http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0176
174 G Epiſteln und Reiſebilder. I.
Ehrenbeſtecke bedachte, ſo koſtete dies einiges Kopfzerbrechen,
bis er den gordiſchen Knoten dadurch löſte, daß er dem einen
Platz das ſilberne Meſſer, dem andern die ſilberne Gabel zu⸗
teilte. Infolge des totalen Mangels an Gemüſe und Bei⸗
lage beſtand die Mahlzeit im „dürren Aſt“ in einem Stück
Rindfleiſch und Speck; der Wein war ſo wehmütig zuſammen⸗
ſchnürend, daß einem minder ſtarken Charakter die Verſuchung
zum Schnaps ſehr nahegelegt war. .
In der Wirtsſtube am Ofen ſaß ein Maidli, das emſig
Kleidungsſtücke anfertigte, und bei ein paar Gäſten aus Hoch⸗
ſchür war ein alter Schuſter mit der Konſtruktion eines Paars
Wälder Stiefeln beſchäftigt. Der „füürige Alexander“ erklärte
uns wehmütig den Zweck dieſer Arbeiten. Die große Not in
dieſen Waldgegenden, das Überhandnehmen eines bäuerlichen
Proletariats ohne allen Grundbeſitz und ohne die Möglichkeit,
in dieſer Abgelegenheit durch Handarbeit etwas zu verdienen,
hatte die Staatsregierung veranlaßt, eine Auswanderung der
Bedrängteſten nach Amerika auf Staatskoſten zu organiſieren.
— Es war damals auf dem Wald große Bewegung; in Her⸗
riſchried wurde in verſchiedenen Ateliers geſchneidert und ge⸗
ſchuſtert, um die Betreffenden zur Fahrt übers „große Waſ⸗
ſer“ gehörig auszuſtaffieren. Unter denen, die von der Ge⸗
meinde als die Auswanderungswürdigſten vorgeſchlagen wa⸗
ren, befand ſich auch unſer Wirt⸗Stellvertreter. Er warf einen
Blick voll ſpäter Selbſterkenntnis auf ſeine Jugend zurück und
erklärte, wie er von jeher lieber auf die „Kunſt“ herumge⸗
ſeſſen und Tubak geraucht habe, als 'was Ordentliches gear⸗
beitet; wie es ihm früher geſchienen, „lieber ein leerer Darm
als ein müder Arm“, und wie er in allen Wechſelfällen des
Lebens dem Grundſatz: „g'ſoffe muß doch ſy!“ treu geblieben.
So ſei er allmählich um ſein Gütlein gekommen, und außer
dem roten Geſicht habe ſich auch eine Art Verwirrung im
Kopf, eine eigentümliche „Kopfſinnierung“ bei ihm eingeſtellt,
ſo daß er jetzt hier „nüt mehr nutz“ ſei. Zum Heiraten hatte
es Alexander nicht bringen können. Dagegen ſtellte er uns das
ſchneidernde Maidli am Ofen als ſeinen Schatz oder, wie auf
dem Wald in herber Roheit die armen Perſonen heißen, die
ohne die Weihe der Ehe mit Kindern geſegnet ſind, als ſein
„Wybertier“ vor, das er jetzt mit nach Amerika nehme und
drüben zu heiraten gedenke.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0176