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Aus dem Hauenſteiner Schwarzwald. 175
Die Notwendigkeit des Auswanderns erkannte er mit Reſig⸗
nation an und ſprach ſich dankbar über den Staat aus, der ihm
die Möglichkeit dazu gab; wie denn überhaupt beim bäuerlichen
Proletariat jener ſchäbige verbiſſene Haß, den der moderne
Mann des vierten Standes gegen alles, was nicht iſt wie er,
ex officio hegen zu müſſen glaubt, ſelten zu finden iſt. Der
„füürige Alexander“ war ſich im Gegenteil über den Grund
ſeiner Verkommenheit klarer als alle, welche in gleichen Um⸗
ſtänden ihn in der falſchen Organiſation der Geſellſchaft ſuchen;
und ſogar als wir ihm eröffneten, wie er in den Vereinigten
Staaten, um Arbeit zu finden, den Genuß geiſtiger Getränke
abſchwören müſſe, und wie die Aufnahme in den Mäßigkeits⸗
verein eine Hauptbedingung ſeines Fortkommens drüben ſei,
meinte er, er werde ſich halt auch das gefallen laſſen müſſen,
zumal da er in der Alten Welt noch für einige Jahre ſeines
Lebens „vorausgetrunken“ habe.
Von einer Sorge konnten wir unſern Freund im dürren
Aſt befreien. Er hatte einen ſtattlichen jungen Hund, den er
nicht mit „ins Amerika“ nehmen, auch bereits nicht mehr füt⸗
tern konnte. Dieſen kauften wir ihm für ein anſehnliches Geld⸗
ſtück ab. Da ſich aber der Zweifel erhob, ob er bei den Leuten
jenſeits des toten Bühls auch gedeihen könne, ſo wurde vor⸗
geſchlagen, ihn vorerſt „feſt“ machen zu laſſen. Es ſei, ſo wurde
uns vertraut, ein alter Mann im Dorf, der „Oberibacher
Seppli“, der Wiſſenſchaft von viel Geheimniſſen und allerhand
alte Bücher, zum Beiſpiel auch des Doctoris Fausti Höllen⸗
zwang beſitze, und ſei kein Zweifel, daß er gegen Wetter, Ha⸗
gelſchlag und Viehkrankheit einen guten Spruch wiſſe, ſowie
denn einer ſogar behaupten wollte, er verſtehe ein Gebet, mit
welchem man ſeinem Feinde, auch wenn er weiter als eine
Tagreiſe entfernt ſei, unverſehens eine Tracht Prügel auf den
Hals beten könne. Da jedoch der Oberibacher Seppli nicht gern
vor Herren ſeine Kunſt zeigte, weil er fürchtete, das Bezirks⸗
amt möchte Notiz davon nehmen, und weil er in früheren
Zeiten, als der den Geiſt „Aſtorus“, dem alle Schätze auf dem
Wald untertan ſind, beſchwören wollte, einmal von der Obrig⸗
keit bös ausgewiſcht worden war, ſo wurde der Hund zu ihm
geführt und in Bälde als „gefeſtet“ wieder zurückgebracht. Da⸗
bei wurde eine auf dreieckiges Papier geſchriebene Formel über⸗
geben, die nach dem Rat des Feſtmachers dem Hund, wenn er
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