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176 Epiſteln und Reiſebilder. I.
je krank werden ſollte, in blauem Band um den Hals gehängt
werden müſſe, worauf ſich alles geben werde. In der Formel
aber kamen neben vielen Kreuzen und Schnörkeln auch die
böſen Worte: „Asrias“, „Aestrias“, „Sruss“, „Srass“,
„Ateſtſtooss“ vor, und blieb uns völlig unklar, ob der Ibacher
Seppli ſie dem Keltiſchen oder Chaldäiſchen entlehnt hat.
Da in dem bisher im „dürren Aſt“ Erſchauten einiger Beleg
für den übeln Leumund zu finden war, deſſen ſich Hochſchür
erfreut — wird ihm ja nur von dem im Waldshutiſchen ge⸗
legenen Neſt Segeten die Ehre des „Beſtverleumdeten“ ſtreitig
gemacht, wie dies der Volksmund ausdrückt: „Hochſchür und
Sägeten gibt Eine Trägeten“ (Traglaſt, d. h. ſie wiegen beide
gleichſchwer) — ſo ſchien es angemeſſen, nach den Urſachen
ſolchen Verfalls zu forſchen.
Außere Ungunſt von Klima und Wetter, das in dieſer 3000
Fuß hohen Hochebene um ſo rauher iſt, da keine Berge, wie
in höheren Schweizertälern, als Schirmwand ſie umſchließen,
läßt dem Boden nur das Kärglichſte abringen, und die Art,
wie hier oben Feld und Wieſe bebaut werden, gehört noch ins
Gebiet der roheſten Empirie. Für die neuen techniſchen Hilfs⸗
quellen aber, die die Regierung in der wohlwollendſten Weiſe
den Wäldern zugänglich machen wollte, war der Bauer hier wie
anderswo mißtrauiſch und unempfänglich zugleich und glaub⸗
te, es müſſe „etwas dahinter ſtecken“, daß die Herren vom
landwirtſchaftlichen Verein mit neuen Pflügen, Sämereien und
Wieſenkulturarbeiten ihn, ohne daß er etwas dafür zahlen
ſolle, eines Beſſeren zu belehren verſuchten; er nahm zwar
die ihm gratis gegebenen Vorräte ſachdienlich an, im übrigen
aber blieb er beim alten.
Da der Landbau ſeine Leute nicht ſämtlich ernährt, verfiel
ein Teil auf Induſtrie, z. B. Nagelſchmieden; allein das war
eine harte Arbeit, und als Beigabe hierzu kam das Schnaps⸗
trinken in Gang, mit welchem nicht nur der Verdienſt, ſondern
auch die geſunde Kraft und das Selbſtgefühl verloren gingen.
Dazu kamen die vielen unehelichen Kinder, die überall ein zu⸗
verläſſiger Grundſtock für ländliches Proletariat ſind. Leider
iſt auf dem Wald über allzu große Sprödigkeit des Weibervolks
nicht zu klagen, und nur ſelten wird durch nachfolgende Ehe,
wie in andern Gebirgsländern, das allzu vertraute Verhältnis
wieder gutgemacht.
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