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192 Epiſteln und Reiſebilder. I.
zen, ſchauen die Strohdächer des Hauenſteiner Dörfleins Egg
zwiſchen den Tannen hervor. Vor dieſem ſteht, bei den verfal⸗
lenen Giebeln eines ſteinernen Bauernhauſes, ein Kruzifix mit
kunſtreichem, verwittertem Schnitzwerk und ein dürrer Apfel⸗
baum, ſo ſeit lange keine Frucht mehr getragen. Die Trümmer
des Hauſes werden nicht abgetragen. Dort hauſte einſt Johann
Thoma, der Lehenbauer von Egg, der zur Zeit des Salpeterer⸗
krieges ein großer Mann geweſen, auch am Wiener Hof viel
feine Intriguen angezettelt und ſich „Edler ab Egg“ geheißen,
ſchließlich aber, als der Rumor zu Ende ging, von der öſter⸗
reichiſchen Regierung am Kragen genommen und ins Banat
verwieſen worden. Dort iſt er verſchollen, und in ſeinem Hauſe
niſten jetzt die Fledermäuſe. Bei den Salpeterern aber geht
die Sage, daß, wenn einmal der „Rechte“ kommen wird und
das alte Reich und mit ihm die alten Recht und Privilegy, und
wenn ihre Landsleute aus dem Banat wieder auf dem Wald
erſcheinen werden, vorher an jenem Apfelbaum ein Zeichen
geſchieht.
Und als im November 1850 es wie das Echo eines fernen
Kriegslärms über den Wald kam, und als plötzlich die Trommel
ſchlug und die preußiſchen Regimenter unten auf der Heerſtraße
am Rhein aus dem Lande abzogen und es hieß, der Hſter⸗
reicher werde jetzt einrücken, da kamen ein paar alte Hauen⸗
ſteiner von vier Stunden Entfernung her nach Egg und ſchau⸗
ten — wiewohl es ſchon Winterszeit war — nach dem Apfel⸗
baum bei des Eggbauern Haus, ob er etwa jetzo ein grünes
Reis getrieben. Der Baum war aber noch dürr wie ehedem,
und die Männer ſind wieder heimgegangen.
Venetianiſche Epiſtel.
Venedig, den 18. Juni 1855.
riva degli Schiavoni 4161. 35 piano.
Gruß und Handſchlag zuvor all den getreuen und feſten
Männern, die an den grünen Ufern des Neckars auch im Monat
Juni noch ihren Maiwein trinken. Und wenn ich ſeit langen
Wochen nichts von mir und meinen Fahrten in Welſchland hab
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