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Venetianiſche Epiſtel. 193
verlauten laſſen, ſo bitt ich einen hochwürdigen Engeren, ſelbes
nicht einer böswilligen Vergeſſung alter Verſprechen zuzuſchrei⸗
ben, denn Altheidelberg wird nimmer aus meiner Seele getilgt,
ſondern ſteht mit Sang und Klang und Paukenſchlag drin
feſtgetrommelt bis ans Ende der Tage — aber die erſte wieder
eratmete Sommer⸗ und Sciroccohitze macht bei willigem Geiſte
das Fleiſch ſchwach, und zweitens iſt dieſes alte Venetia ein ſo
verrücktes und verzwicktes Neſt, daß ein ſolider deutſcher Bie⸗
dermann Zeit braucht, um ſich die konträren Eindrücke zurecht⸗
zulegen — was ein löblicher Engerer begreiflich finden wird,
wenn ich ihm ſage, daß, was in Heidelberg die Hauptſtraße iſt,
hier Canal Grande heißt, was dort ein Fiaker, hier gondoliere,
und zwar höflich — was dort eine Hauskatze, hier eine zahme
Schildkröte (tartaruga), die Salat frißt, was dort Maiwein,
hier sorbetto, und daß von jenen Stoffen, die anderwärts die
Fundamente eines löblichen Früh⸗ oder Veſpertrunks bilden,
hier wenig oder nichts zu finden iſt. Jedennoch aber iſt's eine
feine Seeſtadt, ſo an altem Gebäu und Kunſtwerk viel koſtbare
Schätze für unſereins birgt, und nachdem es uns auch gelun⸗
gen, in einem traulichen Winkel des Marcusplatzes einen an⸗
nehmlichen Unterſchlupf zu finden, wo der Menſch bei einem
Glas zypriſchen Weines tief in die dunkle Sternennacht hinein
träumen mag, haben wir es einſtimmig für ein „auf unbe⸗
ſtimmte Zeit“ bewohnbares Waſſerrattenneſt erklärt, und wenn
wir auch ſpät erſt die Entdeckung machten, daß die ſchlanke,
blaſſe Inhaberin jenes Winkels in ihrem ſchwarzen Spitzen⸗
häubchen nicht die von vielen ehrenwerten Reiſehandbüchern
und von dem langen Archäologen Dr. J. Braun rühmlichſt er⸗
wähnte Frau Mendel iſt, ſondern die Ehegattin des Cafétiers
und Konditors Rieß von Pfullendorf, Gr. bad. Bezirksamts
gleichen Namens im Seekreis, und daß die Firma Mendel gleich
der des Dogenpalaſtes und der Republik Venedig nur noch dar⸗
um fortgeführt wird, weil ſie den Fremden von altersher beſſer
bekannt iſt, ſo hat uns dies an der übrigen Feenmärchenilluſion
des heiligen Markusplatzes nichts benommen, und wandeln wir
tagtäglich noch mit dem gleichen Seelenvergnügen über das
alte Marmorpflaſter wie an jenem erſten Abend, wo ſich zuerſt
die wunderſamen Rundbogen und Kuppeln der Kathedrale über
unſern Häuptern wölbten und der eherne Löwe auf ſeiner Gra⸗
nitſäule mit ſeinem ſchweren Metallſchweif ſeinen Gruß ent⸗
Scheffel. VII. 13
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