Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 194
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw7/0196
194 Epiſteln und Reiſebilder. I.

gegenwedelte. Da aber von venetianiſchen Dingen notwen⸗
dig eines Breiteren die Rede ſein muß, und ein hochlöbl. En⸗
gerer auch von der vorvenetianiſchen Periode ſeines auswärti⸗
gen Mitgliedes Kenntnis erhalten ſoll, ſo ſei dieſe heutige
Epiſtel bloß den Fahrten und Erlebniſſen

von Kuarlsruhe bis Venedig

gewidmet und werde denn, unter Beiſtand eines kühlenden
Meerwindes, der über die Inſel San Giorgio her erfriſchend in
meine Bleikammer weht, ab ovo begonnen.
Item am 23. Mai 1855, des gleichen Tages, an dem ich
vor drei Jahren meine erſte Pilgrimſchaft in welſche Lande mit
Gottes gnädigem Schutz angetreten, hab ich, Joſefus Scheffel
vom dürren Aſt, mein elterliches Haus wiederum verlaſſen.
Und war mir geziemend ernſt und betrübt zu Sinne, maßen
meine gute Mutter viel Tränen zum Abſchied geweint, und
ſaß noch herzbeklemmt im Fiaker, als das Ettlinger Tor ſchon
durchfahren war, da erſah ich unter den Bäumen des Bahnhofes
ein Standbild in die Höhe ragen, ſo meine Augen früher noch
niemals geſchaut, und wie ich näher zuſchaute, war's ein unbe⸗
kannter, eherner Mann mit einem Antlitz, das jährlich ſicher
ſeine 20 000 Geſchäftsnummern erledigt, und ſein metallner
Frack kam mir bekannt vor, maßen in einem gewiſſen tintenfaß⸗
und aktenerfüllten Gemach zu Bruchſal einſt dieſes Fracks leib⸗
licher Bruder als Panzerhemd eines älteren Kollegen tagtäglich
die Lüfte durchrauſchte, und der eherne Mann machte ein gries⸗
grämig Geſicht, als wenn ihn die Zeit daure, die er hier auf
ſeinem Poſtament abſtehen muß, ſtatt zu gewohnter Kanzlei⸗
ſtunde ins Miniſterium zu gehen, und reckte ſeine Hand mit vor⸗
nehmen Bedauern wider mich aus, als wollte er ſagen: „Sie
qualifizieren ſich täglich ſchlimmer,“ — da lagerte ſich jenes
fröhliche Lächeln um meinen Mund, das nur in ganz guten
Stunden erſcheint, und das Herz ſchlug bewegt wie Ruderſchlag
eines in volle See ſteuernden Schiffes, und ich ſchwang meinen
grauen Hut und rief: „Leben Sie wohl, Herr Miniſter Winter!
Es geht dem Frühling entgegen, evviva l'Ttalia!“ Und rief's
ſo laut, daß ein Expeditor von der Finanzkammer, der ſoeben
mit einem Regiſtrator der Kreisregierung in ſtiller Verklä⸗
rung das leuchtende Vor⸗ und Standbild bewunderte, mit ge⸗
rechter Indignation nach mir herüberſchaute. Da ſie aber aus


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