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Venetianiſche Epiſtel. 195
meinem grauen Schlapphut erkannten, daß die Ruheſtörung von
einem Subjekt ausging, das nicht einmal in ſubalterner Stel⸗
lung zum Staatsganzen ſich befinden konnte, ſo nahmen ſie
keine weitere Notiz von mir, was umgekehrt, in betreff meiner
zu ihnen, ebenfalls in vollſtem Maße ſtattfand.
Item ſo fuhr ich noch desſelben Tags auf der Eiſenbahn von
dannen; und habe auf dem Weg bis München drei Abenteuer
beſtanden, beziehungsweiſe nicht beſtanden, die ich einem löb⸗
lichen Engeren unmöglich vorenthalten darf. Das erſte aber
war, von Stuttgart nach Ulm, eine verſäumte und nie wie⸗
der gutzumachende Gelegenheit.
Denn wie ich jenſeits des dunklen Stuttgarter Bahnhofes
meine Augen über die verſchiedenen Mitglieder der menſch⸗
lichen Geſellſchaft gleiten ließ, mit denen ich im gleichen Coupé
befördert zu werden die Ehre hatte — auch im Vorübergehen
dem umſichtigen Walten der Direktion der württembergiſchen
Verkehrsanſtalten meine Anerkennung dafür gezollt, daß ſie
überall durch Anſchlag vor der Lebensgefahr warnt, in die der
Reiſende verfallen kann, der den Kopf, oder Arm „oder andere
beliebige Teile des Körpers“, zum Wagenfenſter hinausſtreckt,
— bemerkte ich rückwärtsſchauend ein feines Mägdleinantlitz,
welchem ich auf württembergiſcher Eiſenbahn und ſonſt allhier
nicht zum erſtenmal begegnet. Da aber die Vorgeſchichte dieſer
Geſchichte außer den Archiven des Engeren liegt, auch keine
ſchriftlichen Quellen vorliegen, als vielleicht einige vergilbte
Tagebuchblätter aus früheren Jahren, deren eines mit dem Da⸗
tum „Markgröningen“ und den Zeilen ſchließt:
Und als wir uns zum letzenmal
Die Hand gereichet hatten —
Da warf der Asberg übers Thal
Einen dunkelſpöttiſchen Schatten —
ſo möge die Andeutung genügen, daß beſagtes Mägdlein ſchön
war und zwiſchen Mutter und Tante, deren Bekanntſchaft mir
noch nicht zuteil geworden, eingekeilt ſaß, und wir — nach
württembergiſchen Syſtem, uns die Rücken zukehrten, etwa nach
folgendem Situationsplan, wobei die Pfeile die ordnungsge⸗
Fen Tante. Sie. Mutter.
ſter. àοHαρ.
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