Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 196
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196 Epiſteln und Reiſebilder. 1.

mäß aus den eingenommenen Plätzen entſpringende Richtung
der Augen bezeichnen.
Dennoch aber — während wir zwiſchen den grünen Baum⸗
alleen Cannſtatts durchfuhren, trafen ſich unſere Blicke flüchtig
— und ebenſo flüchtig wandte ſie den ihren wieder — und da
für mich entſcheidende Gründe vorlagen, mich weder der Mutter
noch der Tante, deren Halskrauſe dann und wann drohend in
die Landſchaft nickte, vorzuſtellen, war's ein ſtummes Wieder⸗
ſehen. Sie war etwas blaſſer als damals, da ſie mit ungerechter
Spröde von mir Abſchied nahm und ich vergebens um einen Kuß
als Zehrgeld für die Weiterreiſe von Markgröningen gebeten.
Sie trug einen breitrandigen Strohhut nach Art der Floren⸗
tinerinnen und einen Strauß Roſenknoſpen drauf. Sie brach
das Geſpräch mit ihren Begleiterinnen ab und ſaß ſtumm, mir
zu Rücken.
Nachdem wir eine Weile gefahren, pfiff die Lokomotive, ſo
daß ich unwillkürlich meinen Blick zum zweitenmal nach dem
ihren wandte. Da ſchaute ſie mich durchbohrend an und lächelte
ſüß und warf eine Knoſpe ihrer Roſen wie ſpielend zu dem
Fenſter hinaus und deutete unmerklich mit dem Zeigefinger
nach der Bergwand, die ſich mir zur Rechten hob, und ſchaute
mich abermals ſcharf an — und ich erkannte, daß Blick und
Roſe was zu bedeuten habe, und war ein Eſel, der zu wenig To⸗
pographie ſtudiert, ſonſt hätt' ich wiſſen müſſen, daß im Moment
der Zug in den Roſenſteiner Tunnel einfahre, und daß, nach
ſolcher Augenſprache, in eines Tunnels Dunkel trotz Mutter
und Tante mancherlei geſchehen kann — und ich Mitleidswer⸗
ter beugte, trotz der Warnung der Direktion der Verkehrsan⸗
ſtalten mein Haupt zu dem Fenſter hinaus, durch das ſie die
Roſe geworfen, und ſtarrte der Blume nach und dachte an alte
Zeiten und vergaß die Gegenwart, — und die Lokomotive pfiff
abermals, und es ward dunkel um uns, — was ging mich der
Tunnel an? — und ich achtete kaum, daß eines breitrandigen
Strohhutes äußerſte Spitzen während der Dunkelheit ſich bis
zu meines grauen Hutes Krempe herüberneigten und nickten —
und es wie ein Hauch unſäglicher Jugendblüte von jenſeits zu
mir herüberwehte, und es ward wieder Licht, und der Tunnel
war paſſiert, da wandte ich mich wehmütig um, da wölbte ſich
ihr breiter Strohhut wie ein Palmendach über meinem Haupt,
und ihr Auge flammte auf kaum drei Zoll Entfernung in das


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