Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 197
(PDF, 54 MB)
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Venetianiſche Epiſtel. 197

meine — und ihre Lippen hatten die meinen geſucht und nicht
gefunden, und — es war zu ſpät, und kaum mochte ſie ihren
Schwanenhals wieder zurückwerfen, ſo war alles im Tageslicht
wie vorher, und die Tante glänzte im Sonnenſchein wie der
Berg Ararat zwiſchen ihr und mir, und die ganze rauhe Alp
empor kam kein zweiter Tunnel mehr, und in Ulm ſtieg ſie aus
und verſchwand im Gedränge der Reiſenden, und es wird zeit⸗
lebens kein Tunnel mehr für mich kommen, wo ich das Antlitz ſtatt
n Fenſter hinaus ihren honigſüßen Lippen entgegenwenden
darf ...
Und bleibt mir nichts übrig, als dieſe Geſchichte mit dem
tiefgefühlten Wort eines Mitreiſenden zu ſchließen, der in Göp⸗
pingen einſtieg, und Rock und Regenſchirm im Wartſaal hatte
ſtehen laſſen, welche Entdeckung er, als der Zug ſchon im Fahren
war, mit dem breitgeſprochenen ſchwäbiſchen Wunſch begleitete:
„Da ſoll doch gleich ein Mordmillionen⸗Hutſchachtel⸗Nachtſack⸗
und allgemeines Effekten⸗Donnerwetter dreinſchlagen.“
Item ſo ſtieg ich in Ulm in ein abgelegenes Coupé zum
Schnellzug und wollte allein ſein und hüllte mich in meinen
Schal und ſaß in einer Ecke, regungslos wie eine Bildſäule.
Stiegen aber dennoch, und ohne irgend ſich um mich zu küm⸗
mern, noch vier Perſonen ein, die drei verſchiedene ſoziale
Gruppen repräſentierten, — ein reicher Bauersmann von
Kriegshaber bei Augsburg mit ſeiner Tochter, die eine eng⸗
anliegende ſchwarze Kappe auf dem Haupt trug, gleich einer
Frauengeſtalt aus Holbeins Bildern; ein Mann in einem druck⸗
kattunenen Frack, darüber er eine Bluſe gezogen, vorerſt ohne
beſondere Kennzeichen, als daß er in Ulm viel Braunbier ge⸗
trunken, denn er ſchickte ſich ſofort zu ſchnarchendem Schlaf an;
der vierte aber war Gregorius Niederwurzler aus der
Vorſtadt Gieſing bei München, der in Ulm auch nicht wenig
Braunbier getrunken, aber außerdem noch durch verſchiedene
beſondere Kennzeichen die hervorragendſte Stellung in unſerem
Coupé einnahm.
Beſagter Gregorius trug eine ſtädtiſche Kleidung, einen gro⸗
ßen Paletot mit Schnüren drüber, einen antiken Filzhut kühn
auf dem rechten Ohr, eine rieſige Tabakspfeife ſamt Beutel in
der Seitentaſche, einen gedrehten Ziegenhainer mit eiſerner
Zwinge, wie ich ſolchen nach 1848 für aus der Welt getilgt
wähnte, einen Reiſeſack, daraus zwei in Papier gewickelte Wein⸗


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