Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 198
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198 Epiſteln und Reiſebilder. I.

flaſchen die Hälſe emporreckten, dabei einen Torniſter im älteren
Stil ſamt mannigfach anderem Gepäck. Sein Antlitz aber
erfreute ſich einer malitiös die Oberlippe überragenden Un⸗
terlippe, eines kniffigen Zuges, der bis zu den mit goldnen
Ringlein verſehenen Ohren hinüberreichte, eines mit Selbſt⸗
gefühl gedrehten Bocksbartes und war mir aus den „Fliegen⸗
den Blättern“ ſchon holzſchnittlich aus dem Geſpräch jener
beiden, die von Rechts wegen auch noch die Einbalſamierung
nach dem Tod auf Staatskoſten fordern zu können glauben, des
Näheren bekannt. Und wie er in den Wagen ſtieg, kamen zwei
Mägdlein auf ihn zu, mit Apfelkuchen die eine, mit Biskuit und
Limonade die andere; der aber ſprach beidesmal: „Nix für
uns, Amen!“ im Ton einer alten Kirchenlitanei — und fuhr,
ins Coupé eintretend, in gleichem Ton fort: „Aber drei Pfund
Kalbfleiſch und das fette vom Schinkenbein und ſechs Maß bay⸗
riſch, darum bitten wir, o Herr!“
Dabei war er dem Mann im druckkattunenen Frack ſamt
Bluſe auf den Fuß getreten, ohne ihn um Entſchuldigung zu
bitten, und klopfte der Jungfrau von Kriegshaber auf die
Schulter, indem er fragte: „Was meinen S' zu dem Kirchenge⸗
bet, Sie?“ Das Mägdlein in der ſchwarzen Kappe aber antwor⸗
tete: „Sie müſſen ſchon recht weni' Gottesfurcht haben, Sie,
laſſen S' mi aus!“ worauf er in ein ſtiermäßig Gelächter aus⸗
brach und rief „Gottesfurcht? Mit den Faxen is es aus bei
uns in Mannheim, glauben S', der Gregorius käm' ſo dumm
aus der Fremde heim, als er vor elf Jahr nein gangen is?
Sie?!“ Und dabei legte er ſeinen Arm um ſeiner Nachbarin
Hüfte, als wenn ſich das von ſelbſt verſtünde.
Unterdes war der Zug über die Donau gefahren, als ſie ihm,
ſich losringend, ein ernſtes: „Schamen S' ſi'!“ zugerufen —
im Bahnhof zu Neuulm aber ſtunden drei barmherzige Schwe⸗
ſtern in ihrem ernſten Ordenskleid, da wollte Gregorius Nie⸗
derwurzler ſeine Landsmännin von ſeiner Seelenſtärke über⸗
zeugen und ſprach: „Wiſſen S', was denen g'ſagt g'hört? Ge⸗
ben S' einmal acht!...“ und er öffnete das Fenſter und rief
den Nonnen zu: „Hurra die Gäul!“ und wie ſie unklar herüber⸗
ſchauten, wiederholte er: „Jawohl, hurra die Gäul!“ und fügte
den frommen Wunſch zu, daß ſie doch gleich unters Pflaſter
verſinken möchten, bis tief ins hölliſche Feuer! Anletzterem ſchien
er trotz ſeiner geläuterten Begriffe keinen Zweifel zu hegen.


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