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Venetianiſche Epiſtel. 199
Ich ſchlug indes ruhig einen Zipfel meines Schals über die
Schulter und gedachte im ſtillen: dieſen Edeln hat mein Freund
v. Preen wohl auch ſchon hinterwärts gebunden — und mu⸗
ſterte ihn flüchtig, da ſeine Manieren für die eines Schneiders
zu entſchieden und prononciert, für die eines Schuſters zu hand⸗
feſt waren.
Da erſah ich denn bald am Daumen und Mittelfinger ſeiner
Rechten, wo bei andern viel Nadel⸗ und Ahlſtiche ſitzen, eine
feſte Hornhaut und Schwielen und wußte, daß mein Mann ein
Zimmermann oder Tiſchler war. Er aber hielt dem Frauen⸗
zimmer von Kriegshaber noch einen längeren Vortrag über
Konſtitution und Gewiſſensfreiheit und „Saupfaffen“ und an⸗
deres, was er in Mannheim erlernt, der mit ſolchen Brocken
von „Läſterung“ und „frechem, unehrerbietigem Tadel be⸗
ſtehender Einrichtungen“ gewürzt war, daß ihm ein geübter
Kriminaliſt ſchon halbwegs vor Augsburg über anderthalb Jahr
Kreisgefängnis oder Arbeitshaus hätte nachrechnen mögen.
Seine Landsmännin aber hielt zuletzt den Schurz vor ihr Ant⸗
litz und ſprach: „Jetzt hat's mi ſchon ganz ſiedig heiß über⸗
laufen mit Ihrem Malefiz⸗Mannheim!“
Unterdes war der Unbekannte im druckkattunenen Frack unter
der Bluſe aus ſeinem bleiernen Schlaf erwacht, ſchaute ſich
gähnend um und ſprach: „grüez'i!“ worauf ihm jedoch keine ge⸗
eignete Antwort zuteil ward, da man ihn nicht verſtand und ich
in meiner Ecke keine Luſt hatte, zwiſchen den Männern von
Iſar und Lech und einem von „Züriſee“ den Dolmetſch zu
machen. Darauf fragte er, ob in München wohlfeil ein Privat⸗
logis zu bekommen ſei, und ward abermals nicht verſtanden,
und nach zweimaliger Wiederholung der Frage ſprach der Mann
von Kriegshaber, der in ſeiner Jugend in Algier geweſen: „Ah
ſo — logement, vous cherchez un logement?“ — ſo daß hier
der vollſtändige Gegenſatz zu jenem Voſſiſchen Idyll ſtattfand
„wo der däniſche Pflüger den deutſchen, dieſer jenen verſteht“,
und mir zur Evidenz erwuchs, daß die ins Helvetiſche hinüber⸗
ragenden Alemannen an den bojoariſch⸗keltiſchen Nachbarn keine
Stammverwandten und Vettern beſitzen.
Der Mann im Frack unter der Bluſe wurde aber, je weniger
er ſich deutlich zu machen vermochte, mit um ſo größerer, mit⸗
leidiger Teilnahme behandelt, auch durch Anbietung einer Priſe
Tabak ſeitens des Alten und eines halben Wecks ſeitens der
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