Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 200
(PDF, 54 MB)
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200 Epiſteln und Reiſebilder. I.

Tochter ihm die Aufmerkſamkeit erwieſen, die dem fremden
Gaſtfreund gebührt. Einen muckeriſchen Zug um die Lippen
hatte er ohnedies ſchon, einen ſtillen Brand wohl auch; nun
ward's ihm entſchieden zutraulich zumut, und er faßte den
Entſchluß, in die allgemein menſchliche Zeichenſprache überzu⸗
gehen, zog ſeinerſeits eine rotpolierte Doſe hervor und bot der
Jungfrau eine Priſe, hielt ihre Hand feſt, als wolle er aus
ihren Fingern ſchnupfen, und erlaubte ſich auch einige dem alten
Telegraphenſyſtem entſprechende Kniebewegungen gegen ſein
vis-à-vis, ſo daß ſich Gregorius Niederwurzlers Unterlippe
immer malitiöſer gegen die Naſe emporkniff. Wie er aber ſeine
rotpolierte Doſe der Nachbarin als Geſchenk anbot und Miene
machte, ſie ihr in Schurz zu ſtecken, da richtete ſich Gregorius
auf wie ein Leu, faßte den Helvetier um beide Knie, hob ihn
mit dem Oberleib zum Coupéfenſter hinaus und rief: „Da
wenn wir Sie jetzt hinausſchmeißeten, Sie Unflat!?“ Die
Jungfrau ſchüttete die Doſe bis aufs letzte Tabakkörnlein fort,
und ihr Vater ſchlug auf den Zürcher Unbekannten ſo ſcherzhaft
kräftig ein, daß ihm ganz elend zumut ward und er demütig
um Gnade flehte, worauf er nach deren Gewährung nichts Beſ⸗
ſeres zu tun wußte, als ſcheinbar wieder in ſeinen bleiernen
Schlaf zurückzuverfallen, der auch andauerte bis Augsburg.
Gregorius aber hatte viel Vorwürfe zu erleben von ſeiner
Landsmännin, die der Anſicht war, der Fremde hätte das „un⸗
ter Umſtänden auch übelnehmen können“, allein er ſagte: „Ich
fürcht' mich weder vor Gott noch dem Teufel.“ Dies veranlaßte
ein allgemein Geſpräch übers Fürchten, und ſie frug ihn weiter,
ob er ſchon bei einem Toten gewacht? Wer das nicht getan,
könne nicht ſagen, er fürchte ſich vor nichts. Da lachte Grego⸗
rius Niederwurzler und ſtrich ſeinen Bocksbart und erzählte eine
grauſam ſchöne Geſchichte von ſeiner erſten Meiſterin, wie die
ihm den Biſſen im Löffel und den Trunk im Glas nicht vergönnt
habe und endlich geſtorben ſei. Da hab ihm der Meiſter die Wahl
gelaſſen, ob er ihren Sarg ſchreinern oder bei ihr wachen ſolle,
er aber hab geſagt: „wachen!“ und ſei mit einem Steinkrug
Bier und einem Laib Brot hinaufgezogen in die Totenkammer
und hab ihr zugerufen: „Gelt, Frau Meiſterin, jetzt müßt Ihr's
doch geſchehen laſſen, daß der Gregor ſich ſatt ißt und ſatt
trinkt,“ und hab ſich ein rieſiges Stück vom Laib geſchnitten —
und wie's ihm nach geleertem Krug geſchienen, als ob ſie mit


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