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204 Epiſteln und Reiſebilder. I.
3. Wenn die durch Retorſion etwa anzubahnende weitere Er⸗
örterung durch gleichzeitig im Wagen anweſende Dritte, die ſich
über Germersheimer Garniſonsverhältniſſe unterhalten, un⸗
möglich geworden, iſt der unbekannt getretene Reiſende ermäch⸗
tigt, beim Ausſteigen im Bahnhof dem Gegenüber den Fiaker,
in dem er ſelbſt zur Stadt fährt, zur Verfügung zu ſtellen mit
der Bitte, ihm anzugeben, wohin er zu fahren habe? —
Da indes die Dame im Hermelinmantel ihr Haupt in die
Ecke geneigt und dem Schlummer ſich ergeben, was ſie durch
ein eigentümlich graziöſes Schnarchen kundgab, neigte ſich meine
Seele wieder zur Vermutung, die Frage an den Kondukteur
möge auf klarer Selbſtbekenntnis dieſer Eigenſchaft melodiſchen
Schnarchens, ſomit im Wunſch einer zu Frommen aller Mit⸗
reiſenden zu bewerkſtelligenden Iſolierung beruht haben, wo⸗
durch die übrigen Hypotheſen in ſich zuſammenfielen — ſo daß
ich ſie dem hochwürdigen Engeren als annoch ungelöſte Pro⸗
bleme übergeben muß... Wie ich mir, ſelbſt ein ſchlaftrunkener
Mann, im Münchner Bahnhof die Augen rieb, war ich auch be⸗
reits in einen Omnibus geſchoben, und ſie, die Urſacherin all
dieſer Erwägungen, ſtand auf dem Perron und hatte weder
Gardedame noch eigenen Wagen zu ihrer Verfügung, ſondern
einen einfachen Fiaker — und mein Nachbar tat ſeinen weißen
Kaſtorhut ab und wandte wie ich ſein Haupt nach dem Hermelin
des Mantels und ſprach wohlwollend wie alle Münchner, die
einen Fremden über ihre Merkwürdigkeiten aufklären wollen:
„Sie, wiſſen S' wer des is? des is die berühmte N. ...“
Aber wer die berühmte N. wirklich war, darf ich eynem löb⸗
lichen Engeren aus ſchuldiger Diskretion und im Intereſſe
objektiver Prüfung meiner Fragen, die anſonſt weſentlich ge⸗
trübt werden könnte, nicht verraten, um ſo mehr, als es nicht
undenkbar ſein könnte, daß ich ſelber, wenn die Offenbarung
des Manns mit dem Kaſtorhut früher ſich zu mir herabgeſenkt,
wohl mit Rückſicht auf Frage 3 nicht an ſeiner Seite im
Omnibus über den Karlsplatz gefahren wäre. — —
„Sie haben wohl erfahren, daß heute das Maifeſt hieſiger
Künſterſchaft gefeiert wird?“ ſprach mein Freund, der Mei⸗
ſter Anſelm, wie ich ihm des andern Morgens die Hand zum
Willkomm ſchüttelte.
„Nein,“ ſagte ich, „aber mit geh' ich,“ und begann von
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