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208 Epiſteln und Reiſebilder. I.
Heimkehrenden erſchallte, und wenn ich vielleicht auch einiges
Zweckwidrige an jenem Abend geſprochen, derweil die bayri⸗
ſchen Alpen im Abendrot über die Dächer von Grünwald und
die rauſchende Iſar herüberglänzten, ſo wird der Meiſter Ludo⸗
vikus eine billige Einſicht genommen haben, daß ich bereits
eines Tages Länge „im Dienſt des Frühlings“ gearbeitet —
und keineswegs war's ſo zweckwidrig als das, was der Lord⸗
major von London neulich in Fontaineblau ſeinen Pariſer
Gaſtfreunden zum Beſten gab ...
Item ſo hab ich in München des andern Tages nur noch
einen flüchtigen Blick nach dem beſten „Bock“ geworfen und
ſelben im „Kapplerbräu“ gefunden, allwo auch die Akziden⸗
tien in primitiver Urform verabreicht werden, indem man, ſo
man ein Meſſer mitbringt, um wenig Geld einen roten Radi
erſtreiten mag, das Salz aber „um Gottes willen“ aus einem
Krug auf den Tiſch geſchüttet wird, und von Tellern überhaupt
keine Rede iſt. Und muß die Herzlichkeit erwähnen, mit der
bei jenem Bock der Meiſter Steub und ſein poetiſcher Freund
Medikus des Engeren gedachten, und hoffe, daß das nach Hei⸗
delberg geſendete Faß ſeithero in korma solenni ſeinen Unter⸗
gang erlitten.
Ein flüchtiger Blick galt den Leiſtungen der modernen Ma⸗
lerei an den Wänden der neuen Pinakothek, der mir aber ein
bedenkliches Schütteln des Kopfes einbrachte — aus was für
Gründen, gehört nicht hierher ...
Item ſo darf ich bei einem löblichen Engeren die Kenntnis
des bayriſchen Gebirges und des Bräuwaſtels zu Murnau und
der Zugſpitze von Partenkirch und der Martinswand uſw. vor⸗
ausſetzen, übergehe die Merkwürdigkeiten von Innsbruck und
warne vor der Sammlung im Schloß Ambras, die darin be⸗
ſteht, daß einem die Schubladen der Schränke gezeigt werden,
mit dem Anfügen, daß der Inhalt in Wien verwahrt wird,
ebenſo die Pferde von Holz, auf denen ehmals Rüſtungen wa⸗
ren, ein Garten, der ehmals mit Statuen verziert war, und
anderes mehr. Uns an einem Reſt ehrenfeſter deutſcher Kunſt
zu erquicken, ſtatteten wir dem Mauſoleum des braven Kai⸗
ſers Max in der Hofkirche einen Beſuch ab und waren ehrer⸗
bietig vor dem ſonntäglichen Beten der Innsbrucker und ſtell⸗
ten unſere Stöcke an einen Pfeiler des Portals; der Stock mei⸗
nes Freundes Anſelm aber war eleganter denn der meine und
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