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Venetianiſche Epiſtel. 215
aufſtreckt. Ein verfallen Tor mit Brücke öffnet den Eingang,
und ſchon im Hof ſchauen verwitterte Geſtalten den fremden
Gäſten entgegen; da zieht ſich ein Söller mit hölzerner Ga⸗
lerie um die Wand des Wohngebäudes, rieſige Rittersmänner
ſind dort in Fresko gemalt, Helden der Geſchichte und Dich⸗
tung, der alte Hagen ſtützt ſich grimmig auf ſein Schwert, und
Dietrich von Bern und Dietlieb von Steyer und fabelhafte
Rieſen und Ungetüme des Heldenbuchs.. . und wenn man
eintritt in den verrauchten Saal und ſich zur Linken wendet,
tut ſich ein Gemach auf, dort ſcheint die Sonne durchs Rund⸗
bogenfenſter auf wohlerhaltene, graugrün gemalte Schilderun⸗
gen zu Gottfried von Straßburgs trefflichem Sang von Tri⸗
ſtan und Iſolt — hier die Werbefahrt Triſtans nach Island,
dort der König Mark, wie er dem Schiff entgegengeht und aus
ſeines Neffen Hand die Gemahlin empfängt ... und Triſtan
mit Iſolden im Wald ſchlafend, das Schwert zwiſchen ihnen,
und die Vermummung als Pilgersmann, wie ſie zu dem Got⸗
tesgericht ziehen muß — und die treue Brangäne.. . und ne⸗
ben dieſem Gemach, das einſt zugleich die Bücherei der Burg
war, eine trauliche, mit altem Gewaffen und Rüſtung ge⸗
ſchmückte Trinkſtube.. . und dann wieder ein umfangreicher
Saal mit prächtigen Erkerfenſtern ſenkrecht über der Talfer und
großen, farbigen Darſtellungen ritterlichen Lebens und Trei⸗
bens — ernſt und reich wie die Miniaturen in Tſchachtlans
Chronik auf der Waſſerkirche zu Zürich — und ſäulengetra⸗
genem Kamin und prächtiger kleiner Seitenkapelle mit einem
Flügelaltärlein und bemalten Glasſcheiben und einer unaus⸗
ſprechlich wehmütigen Stimmung ... Alles zuſammen ein
Platz wie gemacht für Menſchenkinder unſeres Schlages, und
würd' ich mir's gern gefallen laſſen, vom Biſchof zu Trident,
deſſen itzt die Burg iſt, zur Strafe für meinen Ekkehard auf
Jahr und Tag im Runglſtein eingeſperrt zu werden, um mit
etlichen alten Chroniken und altem Wein, mir zur Buße und
Gott zur Ehr, einen beſſeren hiſtoriſchen Roman zu verfaſ⸗
ſen, als jenen erſten. Und auch dem Meiſter Anſelm ſchwebte
es wie große Hiſtorienbilder — und einſam betende, ſchwarze
Frauen und reiche Hochzeitzüge vor dem Sinn, und während
er das ſchmucke Altärlein ſeinem Skizzenbuch einverleibte, ſetzte
ich mich in einem Erkerfenſter feſt und ließ einen Trunk Wei⸗
nes kommen, nachdem mir das Studentlein zum Abſchied für
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