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Venetianiſche Epiſtel. 217
den Geſindels hätte ſich kaum in Neapel auftreiben laſſen. Ich
aber rief dem facchino di piazza, der für das Zeigen eines
Caféhauſes noch ſeine nachträgliche buona mano wollte, und
dem, der die Päſſe gebracht, und dem, der den Staub vom Rock
ohne Auftrag gebürſtet, und dem, der zwiſchen uns und dem
Kutſcher den Kuppler gemacht, und dem, der den Koffer, und
dem, der den Regenſchirm in Wagen getragen, und den drei
Bettlern und ſelbſt ihm, dem Tiroler Hausknecht, ein grimmi⸗
ges anathema sit! zu — und avanti cocchiere! und fröhlich
ging's über das Steinpflaſter durch den trinkgeldloſen Hau⸗
fen, der in einem wahrhaft konziliumsartigen Skandal ſeiner
Indignation über die fremden Reiſenden Luft machte.
Der welſchtirole Fuhrmann aus Riva, der es 1848 mit
den Oſterreichern gehalten, „weil die Deutſchen ihre Pferde
menſchlicher behandeln als die Italiener,“ tat ſeine Schuldigkeit
und führte uns die Klauſe des heiligen Vigilius hinauf in das
wunderbar ſchöne und großartige Sarcatal, das man ſeit kur⸗
zem auf bequemer Straße durchfährt. Da wär' denn viel zu er⸗
zählen von rieſigen, kahlen Bergwänden und wild übereinander⸗
gehäuften Trümmerſtürzen, die wie Hobelſpäne vom erſten
Schöpfungstag herumliegen, von grünen, ſtillen Seen, deren
ſchönſter der lago di Toblino mit ſeinem finſtern, ſchilfum⸗
wachſenen Kaſtell, von echt italieniſchen, ſteingemauerten Dör⸗
fern mit ſchlanken Glockentürmen und trotzig ausſehenden Men⸗
ſchen drin, von der durch die Einöden toſenden Sarca und von
der abenteuerlich hohen Form, mit der die Berge von Arco
das Tal ſperren, bevor's dem Gardaſee entgegengeht ... genug,
das war wieder ein echtes, nobles Stück Italien, und wie wir
in ſtiller Mitternacht auf dem Balkon des albergo del Sole
zu Riva ſtanden und der Mond das leiſe Gewölk, das auf den
Spitzen des Monte Baldo ſich lagerte, in Duft zerküßte, und
ſeine flimmernden Strahlen in den dunklen See herabzitterten,
und aus ferner Barke der Geſang des Fiſchers herübertönte...
da jauchzte die Seele einen Gruß dem wiedergefundenen Land
ihrer Sehnſucht entgegen ... und wenn ſie auch alle zuſammt
auf uns einſtürmen werden, die hohen Zechen und die böſen
Inſekten und die unſäglichen Gerüche und die ſchreckerregenden
Zigarren und die unabtreibbaren Facchini — ſie ſollen uns
die Freude nicht verderben an der Heimat der Schönheit und
Kunſt!
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