Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 7: Episteln und Reisebilder. I)
[1916]
Seite: 218
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218 Epiſteln und Reiſebilder. I.

Die Fahrt über den ſchönen Gardaſee war durch Regen
und Sturm verdüſtert, ein Witterungswechſel, den der öſter⸗
reichiſche Steuermann lediglich dem Umſtand zuſchrieb, daß
wir zwei barfüßige Kapuziner an Bord hatten, was mich ver⸗
anlaßte, ihm zu bemerken, daß dies Wetterzeichen nicht überall
zutreffe, indem man anderwärts die Erfahrung gemacht, daß
die Männer in Kutten und langen, ſchwarzen Röcken erſt dann
recht zum Vorſchein kommen, wenn der Sturm vorüber..
In Peſchiera muß der Menſch fünf Stunden auf die Eiſen⸗
bahn warten, was dazu dient, ihn die oft über die Achſeln
angeſehenen heimiſchen Zuſtände von Raſtatt oder Germers⸗
heim hochſchätzen zu lehren, denn wie in dieſem, von den ſump⸗
figen Niederungen des Mincio umdufteten Neſt die Zeit mit
Anſtand vertötet werden könne, iſt mir annoch ein ungelöſt
Problem. .
Und nachdem das über alle Maßen ſcheußliche Gabelfrühſtück
eingenommen und die reaktionäre Brescianer Zeitung von
vorn nach hinten und dann hinwiederum von hinten nach vorn
durchgeleſen war, und der Schlaf durch Mücken und Schnaken
unmöglich gemacht, blieb nichts übrig, als mit langen, ſpitzen
Schilfrohren in einem zum Tanzvergnügen der Garniſon ein⸗
gerichteten Saal ſich des Speerwurfs zu üben, was auch ſoweit
gelang, daß bis zu Ankunft des Omnibus ſämtliche Trans⸗
parente über der Muſikantenbühne, vom „Walzer“ bis zur
„Mazurka“ durchbohrt in Fetzen hinabhingen. —
Verona erſtreckt ſich mit ſeinen alten Architekturen und
ſchlanken Türmen und der zertrümmerten Dietrichsburg ſtatt⸗
lich längs der mächtigen Etſch dahin und erinnert beinahe an
das prächtige Florenz. Was wir im Gegenſatz zu allen reiſen⸗
den Engländern nicht beſuchten, war die Caſa Capuletti, wo
Romeo einſt Julien fand; es war mir aus dem Tagebuch des
Engländers Box erinnerlich, daß er dort lärmende Vetturini
antraf, die ſich mit ſchmutzigen Marktkärrnern um den Beſitz
des Hofes ſtritten, und eine Herde Gänſe, die durch knöcheltiefen
Kot watſchelte — was mit des trefflichen Ernſt Foerſter ein⸗
fach plaſtiſcher Notiz: „Caſa Capuletti itzt eine Fuhrmanns⸗
herberge,“ völlig übereinſtimmt. Und da mir ein gütiges Schick⸗
ſal im Lauf eines bunten Lebens vielleicht wenige ſeiner Gaben
ſo reichlich gewährt als die Kenntnis von Fuhrmannsherber⸗
gen, gedachte ich, daß es wahrhaft eine Beleidigung für den


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