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Venetianiſche Epiſtel. G 219
ehrenwerten Ritterwirt zu Heidelberg ſein möchte, ſo man nie
bei ihm einen Schoppen getrunken, hingegen in der erſten
Stunde veroneſiſchen. Aufenthalts zur Caſa Capuletti geſtiegen,
und wandte meinen Fuß anderwärts.
Und da meine Phantaſie gottlob auch noch in ſo leidlichem
Zuſtand, daß ſie ſich ohne Beſchwer einen ſteinernen Waſſertrog
zu vergegenwärtigen vermag, blieb auch die tomba di Giu-
lietta la sfortunata gänzlich unbeſichtigt. Aber Romeos Sehn⸗
ſucht und ungeſtillter Liebeswunſch ſchwebt immerdar noch
träumeriſch über dem alten Verona, denn wie wir in ſpäter
Nachtſtunde von der ehrwürdigen piazza dei Signori heim⸗
ſchritten, wandelte ein einſamer Fähndrich melancholiſch über
den Gemüſemarkt und ſpitzte die Lippen ſeines pausbackigen
Antlitzes ſo romeoartig und ſang die Arie „dein Geliebter har⸗
ret dein! dein Ge—e — e — liebter hſa— a — a —arret dein!“ ſo
ſchmelzend, daß der alte Carové ſelig an ihm ſeine Freud'
gehabt hätte und wir nicht umhin konnten, ihm zu wünſchen,
er möge in der Caſa Capuletti eine handfeſte friulaner Stall⸗
magd entdecken, die des alten Zwiſtes der Väter vergeſſend ſein
ſehnſüchtiges Lied erhöre.
Wer aber wirklich einen Hauch aus den Zeiten der Mon⸗
tecchi und Capuletti verſpüren will, der muß vom alten Platz
der Signori weg zur Kirche S. Maria l'Antica ſich wenden,
wo die Grabdenkmale der Skaliger mit ihren rieſigen Sarko⸗
phagen und Reiterſtatuen und heiligenbildgeſchmückten Spitz⸗
bogen in marmorner Pracht emporragen. Dort, vor dem Mau⸗
ſoleum des Cangrande, bei dem Dante dereinſt das Brot der
Verbannung gegeſſen und empfunden, wie ſchwer es einem
Sänger wird, fremder Leute Treppen auf⸗ und abzuſteigen —
und bei dem üppigen, vier Stockwerke hohen Mal des Can⸗
ſignorio ſteht eine verklungene, längſt zu den Toten und Ver⸗
geſſenen geworfene Zeit leibhaftig vor uns, und es würde
kein Staunen erregen, wenn ſich der enge Raum wieder füllte
mit Gepanzerten und mit ernſten Geſtalten im roten Falten⸗
talar, und wenn er ſelber zu uns träte, der Mann aus Florenz,
der die Schatten des Inferno einſt durchwandelt, und uns auf
die Schulter klopfte und fragte: „Was ſingt ihr gegenwärtig
in Deutſchland?“...
In der colomba d'oro, wo wir uns der ſüßen Nachtruhe zu
freuen hofften, rächten die Inſekten Veronas den dem Ange⸗
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