Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 8
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0008
8 Epiſteln und Reiſebilder. II.

ſpiegelt ſich ein Palaſt nach dem andern im grünen Lagunen⸗
waſſer, und einer ſchöner als der andere, von den ſpitzbogigen
mauriſchen Balkonfenſtern und Säulenhallen des 12. und 13.
Jahrhunderts an bis zu den eleganten, der Antike nachgeahm⸗
ten Faſſaden, mit denen Sanſovino und Palladio die Königin
der Meere geſchmückt.
Ein merkwürdiges Prachtſtück iſt der Dogenpalaſt, der aber
ſchon in ſeinem Außern deutlich ausdrückt, daß ein Doge von
Venedig kein ſeinen Launen und Vergnügungen raumgeben⸗
dürfender Fürſt, ſondern der oberſte Beamte einer finſtern,
ſtrengen Republik war, die ihm dieſe Säle nur zur Verfügung
ſtellte, wie etwa eine andere Stadt ihrem Bürgermeiſter den
dritten Stock ihres Rathauſes als Dienſtwohnung; darum ſind
unter demſelben Dach alle die Gemächer, wo die übrigen Be⸗
hörden der Republik ihr Weſen trieben: der Rat der Zehn und
die Staatsinquiſition und die Prokuratoren und Avogadoren
und der große Senat, zu oberſt aber die Bleikammern und zu
unterſt die ſcheußlichen Gefängniſſe der Pozzi, aus denen mehr
Gefangene der Erdroſſelung oder dem Ertränktwerden als der
Freiheit entgegengingen.
Wer ſeinen Glauben an die Menſchheit etwas herabſtimmen
will, muß die Statuten der venetianiſchen Inquiſition leſen,
um zu ſehen, mit welchen Mitteln man eine durch Schreck und
Furcht allzeit leichter als durch Humanität zu lenkende Menge
regieren, zugleich aber auch allen Uſurpationsgelüſten der Be⸗
vorzugten und Hervorragenden die Spitze abbrechen kann.
Man wendet gern ſeinen Schritt von der in jene Gefängniſſe
führenden, verdeckten Seufzerbrücke weiter. Die Kunſt hat ja
über Venedig ein ſo reiches Füllhorn ausgeſchüttet und verſöhnt
mit dem finſtern Getriebe der Gewalten, unter denen ſie blühte.
In der Akademie der ſchönen Künſte ſtrahlt der Farbenglanz
der alten venetianiſchen Meiſter in unvergänglicher Glut und
in ſo gleichmäßig weicher Harmonie, daß es einen ſchier be⸗
dünken möchte, als wären die Pinſel all jener, die im 16. Jahr⸗
hundert zu Venedig das Reich der Farbe beherrſchten, mit
einem beſonderen Zauber gefeit geweſen; von dem ernſt ein⸗
fachen Giovann Bellini bis zu dem glutſprühenden Tizian, dem
graziös ſicheren Paris Bordone und dem anmutig kecken,
lebenstreuen Paul Veroneſe eine Grundſtimmung, die mir jetzt
erſt klar gemacht hat, daß das Malen kein Kolorieren von Kar⸗


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