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10 Epiſteln und Reiſebilder. II.
man ihre Schrift auch von rechts nach links leſe, worauf er mir
indigniert antwortete: „Signor, wir ſind keine Juden, ſondern
gute Chriſten.“ Die ſchönſte aller Inſelfahrten aber führt nach
dem entlegenen Torcello, dort liegt im kühlen Meeresgrund
die alte Stadt Altino verſunken, wo der Fiſcher dann und wann
noch Marmorſtücke im Netz herauszieht. Torcello ſelbſt iſt ein⸗
ſam und verlaſſen, auf dem ehemaligen Marktplatz wächſt
Gras; aber wie ehedem der Prätor hier Recht ſprach, ſo ſteht
der marmorne Lehnſtuhl noch zwiſchen umgeſtürzten Säulen⸗
kapitälen. Das Volk nennt ihn die Sedta di Attila, zum An⸗
denken an die Hunnen, die ihre Vorfahren einſt zwangen, in
dieſen Inſeln eine unzugängliche Zufluchtsſtätte zu ſuchen;
und die ehrwürdige Kirche San Fosca mit ihrem Achteck und
der ſäulengetragenen Vorhalle, und der alte Dom mit ſeinen
amphitheatraliſchen Chorherrenſitzen und düſter ernſten byzan⸗
tiniſchen Moſaiken ragen als Denkſteine der Zeit, wo hier
einſt, wie jetzt in Venedig, ein dichtgedrängtes Stadtvolk wim⸗
melte. Die einſamen, fremden Gäſte ſteigen aber ſofort aufs
Campanile, um durch die durchbrochenen Fenſter bei den
Glocken zugleich nach den Alpen Friauls, den euganeiſchen
Bergen bei Padua und dem Adriatiſchen Meer eine ſpähende
Umſchau zu halten. G
Der Sonntagsfriede über dieſen efeuumrankten Trümmern
inmitten der Lagunen, und dann wieder ein Abend auf dem
gaserleuchteten St. Markusplatz, wo die venetianiſche Eleganz
in ſo dichten Reihen beim Schall der öſterreichiſchen Militär⸗
muſik promeniert, als wär's ein Ball im Freien und eben die
Polonäſe an der Reihe ... Stoff genug zum Nachdenken für
einen, der mitten drin nicht vergißt, daß auch der S. Marco
ſamt aller Pracht und Marmorſchöne dereinſt öde und verlaſſen
ſtehen wird, und der ſich fragt: Was iſt in all dem bunten
Schattenſpiel von Welt und Geſchichte das Bleibende?
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