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Ein Bericht aus Meran. 15
und Becherklang als Atheismus und Hochverrat verpönt. Und
wer's nicht vom Herrn des Schloſſes ſelbſt hört, wird es ſchwer⸗
lich glauben, daß ſogar nach Friedrich Lentners Chronik, in
der nichts aufgezeichnet ſteht, als was unbedenklich den Archi⸗
ven des Engeren einzuverleiben wäre, z. B. die Schnadahüpfl,
die der Reichstagsmann Zerzog oben geſungen:
Und von Peterwardein
Kann nit jedermann ſein,
Un a diemol muß einer
Schon wo anders her ſein!
oder die Villeggiatur, die der alte Stehweiniſt Grill oben abge⸗
halten, der den Spruch gehabt: „im Bier iſt keine Überzeu⸗
gung!“ („iſt acht Tag oben eyngelagert geweſt und während
dieſer acht Tag nix tan als drunkhen und drunkhen und wie⸗
der drunkhen“) .. daß nach dieſer Chronik von der Geiſtlich⸗
keit eine Hausſuchung angeſtellt und ſpäter ein eigener Kom⸗
miſſär zur Fahndung von Innsbruck her zitiert worden, ſo
aber auch nichts erwiſchen konnt.
Item, was mich betrifft, ſo hab ich mich beim Burgfräulein
dermaßen als ein unverdächtiger Mann legitimiert, daß ſie mir
die Chronik ſonder Furcht zu Handen gab... und hab ſie nach
Tilgung zweier Flaſchen Ausbruchs nur mit Wehmut aus den
Händen gelegt, .. mit Wehmut, daß die Zahl der wenigen
Gerechten, die noch an die lebensverlängernde und ſeeler⸗
quickende Kraft eines fröhlichen Trunks glauben, von Tag zu
Tag ſchwindet und von der falſchen, meineidigen Welt immer
mehr verkannt wird.
Bei ſolcherlei Erwägung hab ich es denn als ein glückver⸗
heißend Zeichen begrüßt, daß, nachdem der „Stehwein“ zu
Meran eingegangen, welcher zweifelsohne der „ſüdlichſte En⸗
gere“ in deutſchen Landen geweſen, doch noch am Neckar die⸗
ſelbe Fahne unverzagt aufgepflanzt ſteht... und hab darum
auf Wohl und Gedeihen meiner lieben Freund und Gönner zu
Heidelberg einen ſcharfen Schluck, ihnen zum Gruß, mir zum
Troſt, getan.
Die dritt Trinkung aber hab ich angeſtellt, als ich eines
Morgens die Trieſter Zeitung zur Hand bekam mit der erſten
telegraphiſchen Nachricht, daß der Malakoff erobert ſei. Bin
damals ſchnurſtracks von der Zeitung hinweg gen Lebenberg
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