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16 Epiſteln und Reiſebilder. II.
gewallfahrtet, und wenn dem Fürſten Gortſchakoff jenes Tags
nicht das linke Ohr erklungen, ſo bin ich nit ſchuld daran. Voll⸗
brachte dieſelbe im freskogemalten Gelaß des ſogenannten
„Fuchsbaus“ neben dem Hauptturm, allwo die „Abenteuer des
Degen Fuchs und ſeines Freundes Hans von Greifen“ in ſin⸗
nigen Schildereien zu erſchauen ſind.
Wie ich aber in dunkler Nacht bergab ſtieg, bin ich zweimal
geſtolpert und dann in den Wieſen fehlgegangen, und hab aus
dieſem Omen, in Verbindung mit dem, was ich in den Sternen
geleſen, die Schlußfolgerung gezogen — daß wir in Deutſch⸗
land noch immer keinen Grund haben, uns zu freuen.
Auf Schloß Tirol, wo ich ebenfalls manchen Nachmittag
mich feſtgeſetzet, iſt nichts von Erwähnungswürdigkeit vorge⸗
fallen. Der neue Schloßhauptmann, ſo ſich zwar einen mord⸗
mäßigen, eisgrauen Schnurrbart à la Haynau gezogen, aber
der gutmütigſte Menſch von der Welt iſt, wird ſich erſt ſpäter
ſo einrichten, daß man eine zweckmäßige Trinkſtube oben vor⸗
Das anmutigſt und frohſamſt Abenteuer unter allen, die
mir dieſes Jahr beſchert hat, hab ich auf dem alten Schloß
Fragspurg erlebt, ſo auf einem hohen Plateau des Porphyr⸗
gebirgs am linken Etſchufer ungefähr genüber von Lebenberg
liegt. Bin dort hineingetappt, als wär offene Herberg, alles
iſt ſtumm und ſchweigſam wie in Dornröschens verzaubertem
Schloß ... und bin in einen Salon getappt... und fand Dorn⸗
röschen ... Heiligkreuzmillionendonnerwetter, der Engere
möge mir einen Adelsbrief und viertauſend Gulden C. M. er⸗
wirken als jährliche Revenüe oder folgende Fragen beant⸗
worten:
Warum muf ein deutſcher Poet auf tiroliſchem Porphyr⸗
gebirg mit der Tochter eines edeln Polen zuſammentreffen?
Warum haftet auf dieſem Porphyrgebirg außer dieſer Toch⸗
ter auch noch eine dreifache Hypothek, die derjenige ablöſen
muß, der um die Tochter werben will??
O Fragspurg, Fragspurg! —
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