Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 17
(PDF, 45 MB)
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Gedenkbuch. 17

Gedenkbuch

über ſtattgehabte Einlagerung auf Kaſtell Toblino im
Tridentiniſchen.

Juli und Auguſt 1855.
1. Von der Stadt Venetia und Gründen, dieſelbe zu verlaſſen.

Sofern der Menſch nur Inhaber einer Seele wäre, die aus
Betrachtung der Denkmale alter Zeit und Vertiefung in preis⸗
würdiges Kunſtwerk vorhergegangener Meiſter ihre beſte Nah⸗
rung ſchöpft, ſo wäre es ſchwierig, Gründe dafür zu erdenken,
daß einer, der nicht muß, der ehrenwerten Stadt des heiligen
Markus mit Wohlbehagen den Rücken zuwenden kann. Denn
ſo mannigfalt Großes auch anderwärts in weiter Welt zu fin⸗
den iſt, etwas Schöneres und Abſonderlicheres wüßt' ich doch
nicht aufzuzählen, als einen mondſcheinumglänzten nächtlichen
Gang durch die Säulenhallen des Markusplatzes, wenn der
ſeltſam verzieratete Dom mit ſeinen Rundbogen und Kuppeln
und Säulenbündeln und Moſaiken wie ein Traum des Orients
emporragt, die langen Kolonnaden des Dogenpalaſtes mit
ihrem einfach⸗ſchweren Oberbau ſich hinausſtrecken bis zu dem
marmorgemauerten Ufer der Lagune, wo der geflügelte Löwe
und Sankt Theodor mit dem Drachen auf ihren einſam ſtolzen
Säulen hinausſchauen in den Silberflimmer des Mondes auf
dunkelnder Salzflut, und wenn der grelle Schimmer moderner
Gaslaternen auf das Gewoge ſpazierenwandelnder Venetiane⸗
rinnen fällt, die mit ihren blaſſen, grünfahl leuchtenden Wan⸗
gen und dem herzverſengenden breiten Blick einherſchreiten wie
Töchter des Meeres. Und in ſolchen Momenten — oder bei
abendlicher Gondelfahrt durch den canal grande, wenn die
üppigen Geſtalten, wie ſie Tizian und Paul Veroneſe dereinſt
gemalt, lebendig in Fleiſch und Blut und mit hörbarem Schä⸗
kern auf den melancholiſchen forestiere niederſchauen — oder
bei ſtillem Gang durch das Labyrinth von Moſaik und Mar⸗
morſchätzen, die die heilige Markuskirche in ihrem Innern
birgt, — oder bei luſtigem Hinausrudern nach einer der La⸗
guneninſeln, die gleich ſilbergefaßtem Edelgeſtein ſich empor⸗
heben aus dem barkendurchwimmelten ſchimmernden Gewäſſer
Scheffel. VIII 2


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