Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 18
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0018
18 Epiſteln und Reiſebilder. II.

— in ſolchen Momenten wär' es ein Verrat an der ewigen
Schönheit, ſich auf die Zeit zu freuen, wo all dieſe Pracht in
fernem Nebel rückwärts eines davonreiſenden Mannes ver⸗
ſchwindet.
Aber ſofern es die Natur geordnet, daß der Menſch auch
Inhaber eines ſündigen Leibes, als deſſen Hauptbeſchäftigung
die Naturgeſchichte in guter Schulzeit die Funktionierung der
fünf Sinne, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen
angibt ... und ſofern der konkrete Inhaber eines ſolchen Leibs
ein Deutſcher und die Zeit, wo er deſſen Funktionen ausüben
ſoll, der Monat Juli, ſo mag es doch zutreffen, daß auch in
Venedig ſich eine Stimmung in ihm feſtſetzt, die ihren Aus⸗
druck nur in dem bekannten Ruf: „Naus! und nix wie naus!“
finden kann. Denn was zuviel iſt, iſt zuviel!
Und was wir in dieſer Sommerhitze zu Venedig erleben
mußten, war zuviel. Die Cholera war als ein ſchwarzer
Würgengel eingezogen und fügte ihre Schreckniſſe zu den Be⸗
drängungen der heißen Jahreszeit. Und was ein Tag vene⸗
tianiſchen Lebens inkluſive der Nacht an leiblichen Annehm⸗
lichkeiten dem Menſchen gewährt, mag aus folgender fragmen⸗
tariſcher Schilderung entnommen werden:
Item am 12. Juli morgens nach ſchlafloſer Nacht müd und
ſchweren Hauptes aufgeſtanden. Vom palazzo Canal längs des
ſtagnierenden Lagunenwaſſers in einer ſchwefelwaſſerſtoff⸗ und
ſtickſtoffhkurchſchwängerten Atmoſphäre zum traghetto des cam-
po San Barnaba gewandelt, um in der Gondel nach dem
Markusplatz zu fahren. Unterwegs einer Frau begegnet, die
jammernd nach einem Arzt für ihren erkrankten Mann lief.
Am traghetto mit dem Gondolier wegen Fahrpreiſes einen
gröblichen Wortwechſel beſtanden, der Veranlaſſung war,
trotzig zu Fuß nach San Markus zu gehen. In dem engen
Gewinkel zwiſchen San Barnaba und der eiſernen Brücke über
den canal grande eine ſolche Fülle verſchiedener peſtilenzia⸗
liſcher Wohlgerüche beſtanden, daß ich eine Orange einkaufen
mußte, um die Naſe zuzuhalten. In der calle della miseri-
cordia der ſchmale Durchpaß durch eine Gruppe ſich lauſender
Damen geſperrt, denen ein Fiſcher von Burano etliche Körbe
halbverweſter Meerfiſche zu billigen Preiſen feilbot.
Im Café Mendel am Markusplatz von der ſchönen Frau
Mendel mit der Nachricht empfangen, daß geſtern die Magd


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