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Gedenkbuch. 19
an der Cholera erkrankt. Um dem Geiſt anderweite Ideen zu⸗
zuführen, Geſpräch mit einem öſterreichiſchen Leutnant ange⸗
fangen, der erzählt, daß heute nacht ein Piket Soldaten, die
in der Giudecca im feuchten Gras geſchlafen, ſämtlich die
Cholera bekommen. Dem auszuweichen, nach dem Giornale
di Venetia gegriffen, um nach telegraphiſchen Depeſchen zu
ſehen. Statt dieſer auf die Rubrik geſtoßen: Bolletino del
cholera. Casi nuovi 36, morti 20, guariti 6 uſw. .. . Hier⸗
auf ärgerlich von dannen gegangen, um in der Münſterſchen
Buchhandlung etwas Neues zu leſen zu holen. Auf gut Glück
ein Buch mitgenommen, betitelt: „Aus Venedig. Vom Ver⸗
faſſer des Nasmann.“ Beim Fortgehen darin geblättert und
ſchon auf dem Markusplatz die Entdeckung gemacht, daß der
Verfaſſer ein Baſler Pietiſt. Sofort zurückgetragen. Einen
Spaziergang ans Ufer der Schiavoni gemacht und mit Be⸗
fremden wahrgenommen, daß das Trieſtiner Dampfboot, was
ſonſt regelmäßig leer, heute über hundert Paſſagiere bringt.
Nachricht, daß in Trieſt die Cholera ſo wütend ausgebrochen,
daß man Hals über Kopf von dannen fliehe. Einer Prozeſſion
verſchleierter Frauen und barfuß gehender Kinder mit Wachs⸗
kerzen begegnet, Abwendung der Krankheit bezweckend.
Schweißgebadet wieder zu Haus angelangt und wegen ſchwüler
Sonnenglut etliche Stunden tatlos auf dem Sofa verträumt.
Abends im vapore das vorſchriftsgemäße diätetiſche Mahl, be⸗
ſtehend in Reis und einem Fragment Kalbfleiſch, nebſt einem
Minimum von Rotwein eingenommen. Nach deſſen Genuß
die ſeit etlicher Zeit ſich regelmäßig einſtellende Übligkeit ver⸗
ſpürt und ein Knurren im Magen, als hätt' ich ein Buch von
Oskar v. Redwitz verſchluckt.
Eine Gondelfahrt an Strand des Adriatiſchen Meeres ge⸗
macht, um im Seebad Erquickung zu ſuchen. Angekommen am
Lido keine Badeanſtalt mehr getroffen und vom marinaro in
Kenntnis geſetzt, daß die Sanitätsbehörde alles Baden für ge⸗
fährlich erklärt. Die ganze Luft mit elektrizitätsſchwangern
Schirokkowolken gefüllt, draus ein blaues, dunſtiges Wetterleuch⸗
ten unheimlich hervorblitzt. Verſtimmt heimgefahren. Wegen
unartikulierten Geſangs in der Nachbarſchaft, wo zum hundert⸗
ſtenmal der venetianiſche Refrain andar in gondola per res-
pirar... mißtönig mißhandelt wird, und wegen Kniſtern des
ſtatt einer Matratze untergeſchobenen Laubſackes Unmöglichkeit
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