Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 20
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0020
20 Epiſteln und Reiſebilder. II.

zu ſchlafen. Die Nacht mit Rauchen eines Rattenſchwanzes ge⸗
kürzt. Erſt lang nach Mitternacht Verſuch einzuſchlummern..
ſchauerlicher Traum — am Eck des inneren Zirkels in Karls⸗
ruhe dem Miniſterialrat F. begegnet, der in wohlklingendem
Italieniſch ſprach: „kelicissima notte!“ und ſofort aufgewacht,
von den leisſummenden Schnaken, die in Venedig „zanzale“
heißen, durchſtochen, daß Schulter und Arm ausſehen, als wären
ſie dem ausſätzigen Lazarus entlehnt. L
Betrachtungen über die Unterſchiede von Idealem und Re⸗
alem, angeknüpft an frühere Vorſtellung von „venetianiſchen
Nächten“.
. . . Und wer in wiederkehrender Reihe der Tage ſolches
fortwährend erdulden muß, dem wird alle byzantiniſche Kunſt
und alle Handſchriften der Markusbibliothek und alle Malerei
der venetianiſchen Meiſter und alle Poeſie und Proſa des ge⸗
nialen Strolchen Pietro Aretino, mit dem ich dazumal des
Näheren beſchäftigt war, gänzlich gleichgültig, und er denkt,
ſeinen Bündel zu ſchnüren. Und wiederum eines Morgens
ſchaute ich mich im Spiegel an, da war mein Antlitz hohläugig
und eingefallen und blaßgrün, und zuckte ein ganz fremdartig
böſer Zug um die Backenknochen. Da ging ich ſchleunigſt hin⸗
unter und nahm eine Gondel und fuhr auf die Polizei, deren
Beamte mit einer rühmenswerten Artigkeit fremde Männer be⸗
handeln, und forderte meinen Paß. Dieweil aber meine Studien
mannigfach auf den alten Tizian zielten und es mich ſehr ge⸗
fördert hätte, einen Augenſchein ſeiner Heimat in den cado⸗
riſchen Alpen zu gewinnen, die ich ſo oft in duftiger Ferne
abendlich jenſeits der Inſel Murano begrüßt, ließ ich als Ziel
der Fahrt „Pieve di Cadore“ drauf ſchreiben und ging mich zu
rüſten.
Und wie ich von Dr. Richetti Abſchied nehmen wollte, ſprach
er: „Pieve di Cadore? Dort iſt die Cholera viel heftiger als
hier, in Belluno ſind ganze Straßen ausgeſtorben — was fällt
Ihnen ein?“ Da ward mir's zumute wie dem Kaiſer Maxi⸗
milian, als er den venetianiſchen Geſandten zurief, jetzt könnten
ſie mit ihrer ganzen Republik ihm uſw., und ich ging als ein
ratloſer Mann nach meinem palazzo und wußte nicht, wohin
mich wenden. Und in ſolchen Zuſtänden körperlicher Abſpan⸗
nung wird auch der Geiſt verſimpelt und träg und iſt keines
Entſchluſſes mehr fähig und dem Verwelken nah. Der Weg


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