Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 21
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Gedenkbuch. 21

nach Rom auch durch Cholera verſperrt, Padua, Verona uſw.
nicht minder choleratiſch, Trieſt desgleichen, öſtlich das Adria⸗
tiſche Meer, und der Zweck meiner Reiſe: „Vergnügen“; —
es war, um einen Salat von Akanthusblättern und Diſteln zum
Frühſtück zu verzehren. Aber wenn ein Feldzug in Oberitalien
mißlingt, bleibt immer noch der Rückzug ins Tirol offen, und
wie ein Stern in der Nacht ſtieg ein Bild vor meinen Augen
auf, das ich in flüchtigem Vorbeifahren einſt erſchaut — —
da waren rieſige Bergwände und ein ſtiller tiefgrüner See und
ein altersgraues Schloß, auf ſchmaler Landzunge dem Ge⸗
wäſſer entſteigend ... und langſam vermiſchte ſich alle Sehn⸗
ſucht nach ſchlafgeſegneten Nächten und guter Luft mit dem Bild
jenes Schloſſes.
„Sie ſind noch hier?“ fragte mich mein Reiſegefährte, der
treffliche Meiſter Anſelmus.
Ja wohl,“ ſagte ich, „ich geh' nicht nach Cadore, ſondern
nach Kaſtell Toblino.“
„Kaſtell Toblino? Aber wiſſen Sie auch wer dort hauſt, ob
der Menſch dort wohnen kann, was dort los iſt?“
„Nein,“ ſagte ich.
„Ich gehe mit,“ ſprach er. Denn es war auch für ihn die
höchſte Zeit, den ſchnakenſtichbeſäeten Leichnam dem tückiſchen
Lagunenneſt zu entrücken; und wiewohl ihn die tizianiſche Aſ⸗
ſunta mächtig feſſelte, beſchloß er der Akademie der ſchönen
Kunſt Valet zu ſagen, — und daß wir vom Ziel unſerer Fahrt
nichts Näheres wußten, war ein Grund mehr, ſchleunigſt hin⸗
zugehen.
Alſo ließen wir die Päſſe nach Riva am Gardaſee viſieren.

2. Von der letzten in Venedig zugebrachten Nacht.

Und alles war gepackt und beſorgt, wie ſolches bei eines
Junggeſellen fahrender Habe nur allzu ſchnell vollendet zu ſein
pflegt; und blieb mir von niemand Abſchied zu nehmen übrig,
denn wiewohl die Venetianerinnen mit einer eindruckmachenden
Schönheit begabt ſind, war mir doch nicht zuteil geworden, in
dem Spinngeweb meergrüner Blicke als armes Mücklein ge⸗
fangen zu werden, ſo daß die Losreißung Mühe und Tränen
gekoſtet. An dieſem liebloſen Zuſtand in Venetia war aber nie⸗
mand ſchuld als ich ſelber, denn wer mit ungewichſten Schuhen


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