http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0022
22 Epiſteln und Reiſebilder. II.
über den Markusplatz ins abendliche Gewimmel ſchreitet anſtatt
mit gefirnißten Stiefeln, wer ſein ſchlichtblondes Haar unadoni⸗
ſiert über die Schläfe hängen läßt und ſchweigend dreinſchaut
anſtatt die Gaben des Friſeurs mit denen des Schöpfers an
ſeinem Haupt zu vereinen, wer endlich die Stunden der Nacht
lieber bei einem Glas zypriſchen Weines ſitzt als in einer Loge
des Theater Fenice, der muß ſich's gefallen laſſen, wenn Vene⸗
digs Töchter mit mitleidiger Fächerbewegung an ihm vorüber⸗
ſtreifen. Die große Signora Antonini aber, die einmal einen
ſtarken Anflug nahm, es lieb und gut mit ihm zu meinen, hatte
ein leiſes Schnurrbärtlein ... und ſoll überhaupt hier von
jener am Ufer der Schiavoni beſtandenen Tentation nicht weiter
die Rede ſein.
Darum ſchritt ich mit gleichmäßigem Herzſchlag im leeren
Saal des palazzo Canal auf und nieder, und war niemand, der
mein Herz rührte beim Fortgehen, als die breiten Schildkröten,
die getreulich die Einſamkeit der Region San Barnaba mit mir
geteilt. „Wie vergänglich iſt alles Irdiſche,“ ſprach ich zu
ihnen — „kaum drei Wochen, daß ihr der niederen Behauſung
entrückt ſeid, in der Luigi Periſotti, der Stiefelwichſer und
Schildkrötenhändler und Kuppler, euch ſchnöden Gewinns halber
erzog, kaum drei Wochen, daß ihr in dieſen Saal verſetzt wur⸗
det, wo einſt venetianiſche Nobili auf dem moſaikgezierten Fuß⸗
boden wandelten und jetzt ein deutſcher Meiſter lobeſamer Kunſt
ſeine Zeit zwiſchen Nichtstun und Tabakrauchen harmoniſch
einteilte. Welche Welt von Gefühlen mag in euch aufgeſtiegen
ſein, da er zum erſtenmal euch pfeifend den grünen Salat als
Atzung in euren Winkel brachte, da er mit zartem Strohhalm
euch unter dem Krokodilhals kitzelte und euch euer langſam ſich
vorſtreckendes Antlitz im Kriſtallſpiegel von Murano zur Selbſt⸗
beſchauung vorhielt — und was habt ihr geträumt, da euch
das ſchlanke Menſchenbild liebevoll in ſeine Rocktaſchen ſteckte
und mit euch ſpazieren ging durch die hohen Gemächer?!
Die Zeiten neigen ſich ihrem Ende zu... und morgen viel⸗
leicht ſchon kommt der Tag, da die böſe padrona, die längſt
einen Groll auf euch brave tartarugen hegt, euch ergreift und
hinausſchleudert in die ſtinkende Flut des canalazzo, wo in
finſtern Löchern die ſcheußlichen Spinnen und Krebſe hauſen
und Straßenjungen den Fiſchfang treiben.
Aber wähnet nicht, daß ich undankbar ſei wie Bacchos, da
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0022