Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 23
(PDF, 45 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Gedenkbuch. 23

er die Ariadne heimlich verließ auf Naxos. Mein Weg geht
nordwärts ... dort welkt alles, was im Süden luſtig auf⸗
wächſt, und wie Fernows ſchöne Angiolina in Weimar würdet
auch ihr ſagen, wenn ich euch hinübertrüge, über die Alpen: ‚es
iſt ſo dunkel und ſo kalt hier!“’ Glück und Unglück, es muß
nebeneinander ſein. Das Fatum ſchütze euch! Addio Skind-
lödra, Skindãsa addio!“ .
Die beiden Schildkröten krochen wehmütig und ſchweigend
wie immer ihren wälzenden Gang um mich herum und ihrem
Winkel zu .. . ich habe ſie nie wieder geſehen.
Wie ein Nachtwandler kam indes in weißes Linnen gehüllt
der Signor Hugo durch die Vorhalle geſchritten. „Könnet Ihr
auch nicht ſchlafen?“ frug er. „Nein.“ „Dann wollen wir
die letzte Nacht zuſammen verplaudern.“ — Der Signor Hugo
war ein deutſcher Architekt, der neben uns wohnte; er lebte ſo
ſtill, daß wir erſt in der dritten Woche nach dem Einzug entdeckt
hatten, daß er vorhanden, und in der vierten, daß er ein Deut⸗
ſcher! Er war bei der Preisbewerbung um die gotiſche Votiv⸗
kirche in Wien durchgefallen und ſeitdem leidenſchaftlicher archi⸗
tektoniſcher Theoretiker und Kritiker geworden. Er wohnte in
einem freskogeſchmückten Saal — an der Wand war Horatius
Cocles gemalt, wie hinter ihm die marmorne Tiberbrücke mit
Holzäxten abgehauen wird, und ähnliches ... des Tags über
lag er auf ſeinem Sofa und ſchrieb Bemerkungen über die Phi⸗
loſophie der Baukunſt in ſein Tagbuch, die ihm dereinſt viel gute
Freunde und Gönner erwerben werden, wenn ſie gedruckt ſind.
Er hatte die Gewohnheit, dieſe Bemerkungen regelmäßig am
Abend ihrer Entſtehung ſeinen Bekannten vorzuleſen, ohne
dazu aufgefordert zu ſein.
Daher hatte ich gegründete Beſorgnis, des Signor Hugo
nächtliches Wandeln bezwecke, uns noch ſchleunigſt von einigen
neuen Ideen über den Bauſtil der Zukunft in Kenntnis zu
ſetzen! Aber es war in jenen Tagen ſo heiß geweſen, daß er
ſelbſt das Philoſophieren unterlaſſen hatte.
Und wir richteten ein großes Matratzenlager in einem un⸗
ſerer Säle und erzählten uns Geſchichten. Und die eine Ge⸗
ſchichte des Signor Hugo, wie er als Bauaufſeher auf des
Baron Sina Zuckerfabrik bei Raab unter die ungariſche Natio⸗
nalgarde gekommen, den Feldzug mitgebracht und, als Spion
gefangen, vors Kriegsgericht geſtellt, von den Magyaren nach


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