Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 25
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Gedenkbuch. 25

behauptet werden kann, daß er tief innerlich betrübt war ob
unſeres Scheidens, ſo iſt's von ihm. Ja, ich bin überzeugt,
daß er zur Stunde, wo dies geſchrieben wird, noch an ſeiner
Barke bei der riva degli Schiavoni liegt und nach der Brücke
beim Hotel Danieli ſchaut, ſehnſüchtig wie eine Jungfrau, die des
Geliebten harrt, ob ihm ein gut Geſchick nicht ſeine zwei kore-
stieri wieder zuführe, die ſo lange Zeit regelmäßig wie die Ge⸗
ſtirne dort allabendlich ihre Bahn wandelten, und ins Geſchrei
lungernder Gondoliere: „barca, Signori! andiamo al lido
Signori!“ mit lächelnder Ruhe ſprachen: „no! niente? pren-
diamo Valentino;“ und die in ſeine Barke ſtiegen, trotzdem ſie
weder die ſauberſte noch die eleganteſte war, und mit ihm hin⸗
ausfuhren, ohne zu wiſſen wohin, und ihm oftmals, wenn er
fragte: „dove commandano i Signori?“ zur Antwort gaben:
„dove volete.“ Denn in dieſem verpeſteten Sommer, wo die
Fremden in Venedig ſo ſelten waren wie die Philoſophen in
Tirol, war's für ihn keine Kleinigkeit, ſeine ſichern Leute zu
haben, und an manchen Tagen, wo alles luftſcheu in ſeiner
Höhle verborgen lag, war Valentinos Barke die einzige, die ſich
auf ſchaukelnder Lagune tummelte, und er konnte mit Recht
ſagen, daß er ein Drittel oder gar die Geſamtheit aller in Vene⸗
dig hauſenden forestieri in ſeinem Schiffe geleite. Und er er⸗
hielt regelmäßig des Abends ſeine Zwanziger, und wer ihn im
Juli ſah und ſein Bild mit dem verglich, was er des Monats
vorher noch der Welt bot, der mochte füglich ſchließen, daß ſeine
Umſtände den Einflüſſen feſter Revenüen ausgeſetzt waren ...
denn häufig. und häufiger glimmte der unendliche sigaro lungo
in ſeinem Munde, und wenn eine Meerfahrt von weiterem Um⸗
kreis bevorſtand, nahm er auf eigene Koſten einen Untergon⸗
dolier, und wie er gar eines Sonntags im neuen blauen Sam⸗
metwams einherſtolzierte, die ſeidene Halsbinde um den breiten
weißen Hemdkragen und die Granatblüte am Hut, da war's die
helle Pracht, und mir ahnt, daß er mit Beiſtand unſerer Zwan⸗
ziger auch eine Liebſte gewonnen, wie wir „ſeine Herren und
Gebieter“, ſie vergeblich erſehnten. Dafür war aber Valentino
auch ein muſterhafter und aufmerkſamer Mann in ſeinem Fach
und wußte die vielverſchlungenen Waſſerſtraßen ſeiner Lagunen
ſo gut wie ein Fiſch, der drin aufgewachſen — und fuhr unver⸗
droſſen zu jeder Tageszeit und ſagte nie ein Wort, wenn der
ihm gereichte Lohn nicht dem Tarif entſprach . . . und wenn


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