Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 26
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0026
26 Epiſteln und Reiſebilder. II.

ein Schiff mit geſchmuggeltem, türkiſchem Tabak heimlich im
Hafen eingelaufen war, kam er pünktlich und brachte uns eine
Proviſion zum Rauchen; wenn wir abends gegen neun Uhr in
der Nähe waren, fuhr er pünktlich auf kurze Entfernung zum
öſterreichiſchen Kriegskutter hinaus, weil er glaubte, es müſſe
uns beſondere Freude machen, den zapfenſtreichſtellvertreten⸗
den Kanonenſchuß zu hören und zu ſehen, wie mit Gedanken⸗
ſchnelle die große Laterne auf des Maſtbaums Spitze hinaufge⸗
hißt ward . .. und wenn Fremde in lyriſcher Begeiſterung für
venetianiſche Nächte ſich die große compagnia der cantatori be⸗
ſtellt hatten, um mit Sang und Klang und alten Fiſcherliedern
hinauszufahren in canal grande, da ruderte Valentino uns
leiſe, leiſe im Schatten der Nacht mit zur Seite, daß kein Ton
verloren ging, wenn der wunderliebliche Refrain „o Venetia
benedetta non ti voglio mai lasciar!“ ertönte oder unter dem
dunkeln Bogen des Rialto ihr lomm! lomm! lomm! wider⸗
hallte, und legte ſeine Gondel lauſchig der der Beſteller zur
Seite und blitzte wieder ab und lachte wie ein Student, der mit
Erfolg ein Kollegium geſchoſſen hat, wenn er dann nachrech⸗
nete, wieviel die Organiſatoren der Sängerfahrt für dieſelbe
zu zahlen hätten und wie billig ſie uns gekommen war.
Und allmählich hatte ſich der Gute ſo daran gewöhnt, uns
zu fahren, daß er es für eine Art von Rechtsanſpruch hielt,
und wenn wir je länger auf uns harren ließen, kam er bis
auf den Markusplatz zum Café militare, wo ſich ſelten ein
Gondolier hinwagt, und ſah nach, wo ſeine Signori ſteckten ...
und wenn wir je mit einem andern von anderen Stadtregi⸗
onen gefahren kamen, machte er noch tags darauf ein verſtimmt
Geſicht und rief ſeinen Ausweichruf höh-primiöh! wenn's um
ein Eck ging, mit ganz anderem Ton denn ſonſt.
Und das ſollte itzt alles ein Ende nehmen! Mit wirklicher Trauer
im Antlitz trug Valentino der Biedre unſre roba in die Barke
. . . addio padrona! addio palazzo Canal! zum letztenmal
ging's den bekannten Waſſerpfad entlang in canal grande, im
Frührotſchein glänzten die altersgrauen Prachtgebäude, .
meinem Liebling, dem feinſten aller venetianiſchen Paläſte, der
cà d'oro mit ihren ſchlanken Bogen und zierlich gotiſchen Bal⸗
konen und Fenſtern und Zinnen noch ein Blick ... weiter wie
im Traum ging's bis an die Eiſenbahn. Wie aber Koffer und
Sack und Pack hineingeſchafft war, da ſtand Valentino noch eine


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