Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 27
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0027
Gedenkbuch. 27

Weile vor uns, er wollte was ſagen und wußte nicht was oder
wie es ausdrücken, denn ein venetianiſcher Gondolier kann beſſer
mit dem Ruder umgehen als mit der Sprache. „Ebben Valen-
tino, a riveder!“ ſprach ich. Und ſein Antlitz heiterte ſich:
„''tornano i signori?“ frug er. — „Sicuro!“ — da zog ſich
ein frohſames Lächeln über ſeine Lippen, und er lupfte die
Mütze und ſchwang ſie noch in der Barke zum Gruß auf Wie⸗
derſehen.
Fahr wohl, du braver Gondolier, Gott geb' dir noch manch
gutes Jahr und padroni, deren Börſe mit ſchwereren Talern
gefüllt iſt als die unſere.

4. Über den Gardaſee nach Riva.

Seit dem Auguſt 1849, wo allerdings auch manch ein Bieder⸗
mann mit dem unbeſtimmten Gefühl „Nix wie naus!“ aus Ve⸗
nedigs Toren gezogen ſein mag, hat die lombardiſch⸗venetiani⸗
ſche Eiſenbahn wohl ſelten zwei Männer mit negativerem Rei⸗
ſezweck weſtwärts befördert, denn uns. „Gottlob daß wir drau⸗
ßen ſind!“ ſprach ich, als die rieſige Lagunenbrücke hinter uns
lag, und wiewohl die ſumpfige verfieberte terra ferma bei
Meſtre noch keineswegs ſo ausſieht, daß ein meergeprüfter
Mann, wie einſt Anchiſes der Alte beim erſten Anblick der
Italia humilis, ſie mit Geſchrei und Austrinkung eines gebauch⸗
ten Miſchkruges begrüßen möchte, ſo tat ich doch einen luftein⸗
ſaugenden langen Atemzug, wie einer, dem ein böſer Alp vom
Hals ſich gelöſt.
Aber ſchwach und krank waren wir allbeide noch, gleich dem
verlorenen Sohn in der Ballade eines neueren Dichters:

Und wie er endlich Abſchied nahm von Babylon
Da war's ihm wirklich ziemlich miſerabilon.
... Sie war in Meſtre mit andern Damen eingeſtiegen. Sie
war allerdings von einer eigentümlichen Schönheit... regel⸗
rechte antike Züge, blaſſes, intereſſantes Antlitz, auf dem von
jener dummen Impertinenz rotbackiger Geſundheit kein Atom
zu finden war, ein klares, tiefes, unendlich wehmütig durch⸗
ſchneidendes Auge, ſchwarzes, reiches Haupthaar. Und die me⸗
lancholiſch ernſten Frauenköpfe, nach denen ein Künſtler das
Madonnenideal geſtalten mag, ſind in Italien wie anderwärts
ſelten.


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