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30 Epiſteln und Reiſebilder. II.
Marmorinſchriften in den Zimmern, wo Majeſtäten übernachtet
haben; „Künſtler“, würde Foerſters Reiſehandbuch ſagen, „zie⸗
hen den Giardino vor.“ Wir gingen in Giardino. Nach Rütte
bei Bozen ſind wir ſeither nicht gekommen. Des andern Mor⸗
gens ſahen wir einen ſchweren Reiſewagen landaufwärts fahren.
Wenn der Wirt des Sole wüßte, was wahrhafte Majeſtät iſt,
müßte er in dem Zimmer, das ihr Fuß berührt, auch eine Mar⸗
morinſchrift aufrichten laſſen.
Die Geſchichte iſt aus. — —
5. Von beginnender Wiedergeneſung und vom Ponal.
Im bayriſchen Gebirg bei Lermoos ward mir's ſeinerzeit zu⸗
teil, fünf Knechte zu Mittag eſſen zu ſehen, und ich lachte über
die Schnelligkeit, mit der ſie ihre rieſenhaften Schüſſeln getilgt
hatten, ohne die drüber hingebeugten Häupter zu erheben. Wenn
die fünf Knechte mich über dem ſpäten Mittagsmahl in Riva
erblickt, ſie hätten Grund gehabt, mir das Lachen heimzubezah⸗
len. Monatelang im Cholerahalbſold gefaſtet ... und jetzt,
der böſen Atmoſphäre entronnen, bei einſtrömender geſunder
Seeluft, reichliche Gelegenheit, einzuhauen ... Die Mahlzeit
von Riva hätte mich in Venedig drei Tage lang ernährt.
Und wie wir des andern Morgens mit dem Hausſohn des
Giardino in ſtattlichem Kahn hinausruderten in die wunderſam
blaue Flut, da kam's über uns, als hätten wir einen langen
böſen Traum geträumt und kämen itzt erſt nach Italien, und wir
warfen uns in die läuternde Woge und plätſcherten angeſichts
der ſchauerlich hohen, ſchöngezackten Berge und der mit wahr⸗
hafter Frechheit in die ſchwindelnde Höhe hineingehauenen Fels⸗
ſtraße mit fiſchhaftem Behagen umher. Und die Sonne war ſo
warm und die Ufer ſo unnahbar und die Kultur ſo fern, daß
wir, wieder eingeſtiegen ins Schiff, gar keine Anſtalten mach⸗
ten, unſere Toilette auf das Niveau europäiſcher Verhältniſſe
zurückzuführen. Und fuhren von dannen, ich im Hemd, Unter⸗
hoſen und Stiefeln, der Meiſter Anſelm lediglich im Hemd, der
Hausſohn des Giardino aber, wie ihn die Natur erſchaffen. Und
wiewohl er noch ein gar junger, tölpelhafter 17 jähriger filius
familias war, ſo waren doch ſchon gewiſſe Entwicklungen ſehr
ſtark und hausknechtsmäßig an ihm vor ſich gegangen, alſo daß
es eines koloſſalen Feigenblatts bedurft hätte, ihn für einen
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