Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 31
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Gedenkbuch. 31

Antikenſaal zu koſtümieren. Da wir jedoch der Anſicht waren,
daß ihm als Landeseingeborenem zukommen müſſe zu wiſſen,
wieweit das Minimum an Gewandung bei einer Fahrt auf dem
Garda herabgeſtimmt werden dürfe, ſo unterließen wir, ihm
Bemerkungen über die Geſetze des Anſtands zu machen, und lie⸗
ßen ihn in ſeiner grande tenue gewähren. Und wie ſich in Ita⸗
lien ſo vieles von ſelbſt macht, ohne daß es planmäßig vorge⸗
ſehen wird, ſo ruderten wir, ſtatt nach Hauſe, vorwärts längs
dem felsumdämmten Ufer. An einem kleinen geſtrüppbewach⸗
ſenen Abhang ſtand ein behauener Stein wie ein Meilenzeiger.
Weil nirgendwo Gelegenheit eines Weges erſichtlich, befragte
ich, was der Stein bedeute. — „Von dort an,“ ſprach der nackte
Hausſohn und deutete ſüdwärts, „darf man Singvögel fangen
und totſchießen, bis hierher iſt's ſtreng verboten.“
„Warum das?“ fragte ich weiter. „Weil hier die Grenze
zwiſchen Deutſchland und Italien iſt,“ ſprach er. Ich dachte
an das Schickſal ſo manches deutſchen Poeten, und fand es ſon⸗
derbar, daß man es hierlands als Kennzeichen Deutſchlands be⸗
trachte, daß auf deutſchem Boden die Singvögel nicht gefangen
werden dürfen...
„Wir wollen noch bis zum Ponal fahren,“ ſprach der Jüng⸗
ling von Riva und ruderte mit Macht ins italieniſche Seege⸗
biet. Der Ponal iſt eine verlaſſene Uferſtation, wo einſt die
Männer aus dem Ledrotal ihre Schiffe in kleiner Höhlenbucht
anlegten und ihre Bergpfade hinaufklommen, eh die neue Straße
gezogen ward...jetzt ſteht das Haus und die Schiffslände ver⸗
laſſen, die Mauern in Trümmern, üppiges Strauchwerk und
Feigenbäume wuchern drüber, enges Tal gleich einer Kluft
ſpaltet die ſenkrecht himmelanſtürmenden Kalkſteinwände, ein
Bergſtrom brauſt hervor und ſtürzt, von braunen Felſen über⸗
dämmt, in ſchäumendem Waſſerfall in den See.
Und ohne an weiteres zu denken, ſprang ich aus der Barke
und ſtieg hinauf in das wildgewaltige Schauſpiel der Natur,
und beugte mich hinab, den Waſſerſturz zu erſchauen, da ſtand
ein Regenbogen, wie ihn die Göttin Iris mir einſt in ſonniger
Jugend am Fall des Velino beim erſten italiſchen Pilgerzug
ſchimmernd aufgebaut, und alles glänzte im tauigen Flimmer
ſchief einfallender Sonnenſtrahlen .. . dieweil ich drunten ju⸗
belndes Geſchrei der Gefährten hörte, die mit der Barke ein⸗
laufen wollten in den toſenden Keſſel des Falles und vergeblick


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