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Gedenkbuch. 33
mit Maulbeerbäumen und Oliven ausgefüllt, ein halb Dutzend
ſchwarzgrüner alter Zypreſſen hob ſich als finſtere Zierat aus
dem freundlichen Grün des Gartens. Die zwei jungen Männer
bogen mit ihrem Fuhrweſen von der Straße ab und fuhren auf
der Landzunge längs ſchilfbewachſenen Seeufers dem Kaſtell
entgegen.
Eine mit Zinnen und Schießſcharten wohlverſehene Ring⸗
mauer umſchloß den Burgfrieden; ein offener, nicht allzu hoher
Torbogen geſtattete die Einfahrt.
Das Fuhrwerk hielt im Hofe. Auf den Zügen der Neuange⸗
kommenen drückte ſich eine ungewiſſe geſpannte Erwartung aus.
„Werden wir hier das gewünſchte Obdach und Gelegenheit er⸗
friſchender Villeggiatur finden? Wer wird der Herr und Mei⸗
ſter dieſes mittelalterlichen Anweſens ſein? Ein alter Land⸗
edelmann, der mit vorſündflutlicher Verachtung auf landfahrend
fremdes Volk niederſchaut? Eine junge Witwe? Ein mit
Welſchkorn und Olivenöl große Geſchäfte machender possidente,
wie ſie in dieſen Regionen ſo häufig vorkommen und in ihren
kurzen Kamiſolen und abgebrannten Koſtümen eine ſo eigen⸗
tümliche Mitte zwiſchen galantuomo und Strolch darzuſtellen
wiſſen? ... „Chi lo sa!“
„Wir wollen rekognoſzieren!“ ſprach der eine der beiden.
Und ſie ſchritten den ſchiefrigen Felspfad empor und ſtan⸗
den bald vor dem Portal des Kaſtells. Verblichene Malerei
eines Wappens war unter einem einfachen Erker ſichtbar. Ein
finſterer Gang führte ins Innere der Behauſung; alte, rauch⸗
gebräunte Säulen, denen als Fußboden der unzugehauene, ver⸗
witterte Felsboden diente, ſtanden als Träger einer geſchwärz⸗
ten rußigen Halle vor einem offenen inneren Hofe; an der einen
Wand eine riſſige römiſche Inſchrift eingemauert, an der an⸗
dern Reſte von Arabesken und freskogemaltem heraldiſchem
Getier, eine luftige leichte Loggia, von zierlichen toskaniſchen
Säulchen und Rundbogenſtellungen überbaut, zog ſich um das
zweite Stockwerk ... ein Stück blauer Himmel ſchaute ſparſam
auf den dunkeln Geviertraum.
Und die jungen Männer ſprangen fröhlich die breite Treppe
hinauf, denn ſolch ein Gebäu ſchien lediglich für ſie und mit
Beziehung auf ſie in den grünen See hineingeſtellt... und ſie
ſtießen einander an und ſprachen: „die Sache macht ſich!“
In der Loggia oben ſaß allerhand fremdartig ausſehendes
Scheffel. VIII. 3
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