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34 Epiſteln und Reiſebilder. II.
Volk, und ein neugierig ſchmuckes Frauenantlitz ſchaute ihnen
entgegen. „Dove il padrone di casa!“ fragten ſie, und man
wies ſie in einen hohen, luftigen Saal, zu deſſen Fenſtern
glänzte der See in tiefgrüner Farbe herein, am einfachen Tiſch
waren Meßinſtrumente gelagert und tranken etliche vorüber⸗
ſtreifende Geometer ihren Wein, und bei ihnen ging, die Hände
auf den Rücken gekreuzt, im weißen, hausväterlichen Negli⸗
géekittel der Alte, von dem unſer Schickſal für die nächſten
Wochen abhängen ſollte. Der Alte hatte ein dunkelgefärbtes
Antlitz, das weniger von ſüdlicher Sonne gebräunt als von
ſüdlichem Wein gerötet ſchien... halb Schlauheit und halb
Wohlwollen lag auf ſeinen Zügen... um den Mund aber ein
Vertrauen erweckendes Schmunzeln.
Die zwei jungen Männer nahmen eine prüfende Poſition ein
und beſtellten einen Trunk vino santo, den man ihnen als
der Gegend preiswürdigſtes Erzeugnis geprieſen. Wie aber der
vino santo mit ſeinem goldbraunen Feuer ihre Lippen er⸗
wärmt, da waren ſie im Innern eins, daß hier nur im Fall
evidenteſter Unmöglichkeit an einen Rückzug zu denken ſei —
und eröffneten dem Alten ihr Begehr und Abſicht der Ein⸗
lagerung. Und Giacomo Sommadoſſi der Alte muſterte ſie
mit einem ſachverſtändigen Blicke und ſprach das große Wort
„hm! hm?!“ und ging mit rückwärtsgefalteten Händen und
großen Schritten im Saal auf und nieder.
Da glaubte einer der beiden, ihm noch nähere Aufklärung
über Zweck und Art ihres Lebens geben zu müſſen und ſagte:
„wenn auch keine forestieri hier beherbergt zu werden pflegen,
wir werden keine Störung ins Haus machen, siamo artisti...“
„Pittori?“ ſprach Sommadoſſi der Alte, „ah! hm?!“ es
klang ſehr bedenklich. Er fand nicht für gut, einen Beſcheid
zu erteilen und wandelte hinaus in die Loggia.
Es trat eine lange Pauſe ein; die beiden jungen Männer
hatten ihren vino santo getrunken, der Vetturin kam herauf,
um nachzuſehen, ob er das Gepäck zu bringen habe, da ging
der eine wieder auf Suchung des padrone. Er ſtand in einem
Eckfenſter und ſchaute in den See.
„Ebben, Signor padrone, come sta la nostra com bina-
zione?“
„Un caso singolare,“ ſprach Sommadoſſi der Alte.
„Singolare perchè?“ L
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