http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0036
36 Epiſteln und Reiſebilder. II.
ganiſation darſtellt, die zwar noch nicht exiſtieren kann, die
aber, weit entfernt ein einfaches Erzeugnis der Einbildungs⸗
kraft zu ſein, das unverrückbare Endziel iſt, welchem allmäh⸗
lich, wenn auch mit Langſamkeit, alle vorhandenen Organi⸗
ſationen entgegenſtreben...“ (p. 139).
Ich ſchellte heftig mit einem vorhandenen Glöcklein. Ein
alter Knecht des Hauſes, der, ſeinem Dunſtkreis nach zu ſchlie⸗
ßen, mehrfach der Stallarbeit oblag, erſchien.
„Cosa commanda il Signore?“ frug er. „Noch ein Glas
vino santo,“ ſprach ich und reichte ihm Ahrens Naturrecht,
überſetzt von Vincenz de Castro, „und ſtellen Sie dieſes Buch
dort an ſeinen Platz.“
Sommadoſſi der Alte begann, uns ein intereſſantes Problem
zu werden: Beſitzer eines Schloſſes am ſchönſten, grünen Al⸗
penſee, Pflanzer eines vino santo, der dem zypriſchen an Glut
gleichkommt, Menſchenkenner von Diſtinktion, der über den in⸗
ternationalen Verkehr der Mädchen ſeines Kaſtells und der
fremden Maler gegründete Bedenken hegt .. . und Anhänger
von Ahrens Naturrecht!! Ich dachte an die langen Winter⸗
abende, die den Menſchen diesſeits wie jenſeits der Alpen zu
mannigfachen Extravaganzen verleiten... es blieb mir un⸗
ar.
Es war noch lang bis zum Abendimbiß. Darum griff ich
ein zweites Mal in den Bücherſchrank, aber diesmal nicht ohne
Vorbedacht. Es iſt immer löblich, zu wiſſen, wo man iſt,
wenn man auch nicht immer weiß, warum man da iſt. Sta-
tistica del Trentino hieß das Buch, das ich diesmal heraus⸗
holte. Und ich las mit Befriedigung unter dem Buchſtaben T:
„Toblino, altes römiſches Kaſtell auf einer Halbinſel des
gleichnamigen Sees, der eine Länge von 1500 pertiche hat
und in der ſüdlichen Ebene des Tals von Vezzano zwiſchen
den Ortſchaften Padergnone und Sta. Maſſenza und dem Fluß
Sarca liegt. Eine römiſche Inſchrift bezeugt die Exiſtenz dieſes
Ortes in jenen Zeiten. Es kam im Verlauf an eine Familie,
die ſich nach dem Kaſtell ſelber benannte. Ein Odorico di
Toblino wird in einer Urkunde von 1124 erwähnt, im Jahr
1161 kommt ein Otto mit ſeinem Neffen Federigo und in den
Urkunden von 1204 —1233 häufig Herr Turiſcendo di Toblino
vor.
Dies Schloß fiel ſodann an das Haus derer di Campo, die
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0036