Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 39
(PDF, 45 MB)
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Gedenkbuch. 39

flüſterungen der römiſchen Legaten und ganz ſeltſamen Mo⸗
tiven ihre Aufgabe gelöſt hätten, könnte viel anders ſein,“
ſagte ich. Leider hatte ich in Venedig des gewaltigen Hiſtorikers
Sarpi Geſchichte des Konzils ſtudiert und konnte ihm mit
ſchlimmen Details aufwarten. „Woher wißt Ihr das?“ fragte
er. „Es hat mich intereſſiert.“ „Ihr ſeid auch ein Ketzer,“
ſprach der Mönch, „man muß nicht zu viel wiſſen.“ — „Was
werdet Ihr ſpäter ſein, wenn Ihr in die Heimat zurückkommt,“
frug er im Verlauf des Geſprächs. — „Ich weiß nicht,“ ſagte
ich, „am liebſten Profeſſor.“
„Ah ſo,“ ſprach der Kapuziner, „professore d' encyclope-
dia, professore d' universalità, professore di toleranza..
e poi con Voltaire nell' Inferno.“ „Warum das?“ fragte ich.
„Weil Ihr von allem etwas wißt und von der Hauptſache
nichts,“ ſagte er.
Er war weit entfernt, zu glauben, daß er mir Grobheiten
geſagt; er ſprach, weil es ſo ſeines Amtes war. Ich ver⸗
ſicherte ihn meiner Hochachtung. Wie ich mich bei ihm ver⸗
abſchiedete, murmelte er ein Gebet zur Madonna, daß ſie alle
armen Seelen erleuchten möge zur Umkehr, die den Pfaden
der Verdammnis entgegenſchritten.
Wiarum ich dem Frate von Arco nicht bös ſein konnte?...
Weil ich in dieſen Zeiten der wechſelnden Paſſatwinde und
Intereſſenrechnungen und diplomatiſcher Haarſpalterei an al⸗
len meine Freude habe, die ihrer Sache ſo ſicher ſind wie dieſer
Kapuziner. „Was wollt Ihr,“ hatte er zu mir geſagt, „tut
Gott nicht heutzutag noch ebenſo ſehr ſeine Wunder wie ehdem?
Wir Kapuziner alle ſind ein Wunder Gottes; wir haben nichts
als unſre Sandalen am Fuß und die Kutte am Leib, und den
Glauben an ihn, und er ſorgt für uns und ſchafft uns Speiſe
und Trank und Obdach, und wiewohl wir die Ärmſten der
Schöpfung ſind, ſieht uns jedermann gern über ſeine Schwelle
treten und ſetzt uns zu oberſt an ſeinen Tiſch! Maraviglia
i Dio!“
Nach 14 Tagen kam derſelbe Fra Serafino wieder ins Ka⸗
ſtell. Er hatte mit dem, an dem die Reihe war, getauſcht. Er
kam ſchon Sonnabends und brachte eine rieſige Angel mit; ein
weißes Schnupftuch ums Haupt gebunden, ſtand er in ſeiner
braunen Kutte trotz Sonnenglut und Mittagshitze am See und
fiſchte, daß Stefano der Knecht griesgrämig ſagte: „benedetto


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