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46 Epiſteln und Reiſebilder. II.
Ortskundige Schiff⸗ Eſel⸗ Wagerlebeförderte Signori mit ſtets
friſchen Zigarren, landauf landab bekannt wie falſche Sechſer,
— Alles! — Die Geſchichte von Stefano Baſettis Verhältnis
zu uns verdiente eine ausführliche Bearbeitung: wie ein homo.
sui juris, ohne zu wiſſen wie, alieni juris wird, wie zwei Her⸗
ren, ohne zu wiſſen wie, einen Diener bekommen, einen Gondo⸗
lier, Eſeltreiber, Sendboten, wie ein ländlicher Kolon, ohne zu
wiſſen wie, zwei Herren bekommt.. . alles ſteckt in dieſer Ge⸗
ſchichte. Sie kann nur von ſolchen begriffen werden, die Sinn
für das organiſche Werden des Rechts haben. Zwiſchen uns
und ihm ward kein Wort verabredet, kein Vertrag geſchloſſen,
keine Handfeſte niedergeſchrieben: das Verhältnis kam — und
wuchs — und war da — jetzt können wir ohne einander nicht
mehr leben, wir befehlen, er gehorcht, wir gehen, er iſt der
Schatten, der uns folgt, wir winken, er fliegt; — ja er ſchwänzt
ſogar die Kirche für uns!
An den ſonnigen Abhängen des Monte Gazza iſt eine reiche
Vigne, wo türkiſch Korn, Maulbeerbäume, Reben in üppigem
Wachstum gedeihen. Im einfachen Häuslein, deſſen eine Wand
noch vom Frühjahr 48 her von Kugelſpuren überſät iſt, ver⸗
ſteckt unter Obſtbäumen, hat Stefano Baſetti gehauſt, von ſei⸗
ner Geburt bis zu unſerer Ankunft, im ganzen 57 Jahr; er
iſt Kolon und gehört zum Kaſtell; an Haltung und Lebensart
ein Bauersmann höheren Schlages. Sieben Töchter und zwei
Söhne ſind ſeinem Stilleben entſproſſen.
In den heißen Juli⸗ und Auguſttagen hat der welſche Bauer
in der Campagna nichts zu ſchaffen und überläßt, ruhig auf
der faulen Haut ausruhend, der Mutter Natur die Arbeit.
Für Stefano Baſetti kamen wir ſomit zu rechter Zeit in die⸗
ſen Landen an.
Am zweiten Tag nach der Ankunft fuhren wir in der lecken
Barke, die unter zierlich gebautem, mit Zinnen verſehenen
Mauerverſchlag im ſeeumſpülten Schloßhof liegt, hinaus in die
Abendkühle. Stefano ruderte. „Werden die Signori morgen
wieder fahren?“ ſprach er, als wir zurückkamen. „Ja.“ Um
dieſelbe Stunde war er wieder an der Barke.
Nach kurzer Friſt begannen wir uns nach verſchiedenen Rich⸗
tungen in die Umgegend auszubreiten. Meiſter Anſelm hatte
Plätze ausgeſucht, wo er ſeine venetianer Leinwanden mit kräf⸗
tigen Landſchaftsſtudien zu decken gedachte... ich hatte einen
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