Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 49
(PDF, 45 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0049
Gedenkbuch. 49

12. Von den Seideſpinnerinnen.

Sommadoſſi der Alte hatte nicht ohne Grund gegen unſere
Einlagerung ins Kaſtell das Bedenken erhoben, es ſeien viel
junge Mädchen im Haus uſw. Denn dazumal war die filanda
di sete im Seitenflügel des Schloſſes noch im vollen Gang,
aus den vergitterten Fenſtern ſchauten junge gelbbraune Ge⸗
ſichter mit blitzenden Augen auf den See herunter, in ein⸗
förmigem Takt knarrte das Tretrad und ſauſten die Spindeln,
und bis ſpät in die Nacht ertönte wilder Geſang, mit dem
ſich die Töchter des Gebirgs, wie einſt Kirke die Zauberin, die
Weile des Spinnens verkürzten.
Seither iſt die Spinnerei — wie alle Filanden in Welſchtirol
— „aus Geſundheitsrückſichten“ geſchloſſen worden, es ſchwim⸗
men keine toten Seidenwürmer mehr im Gewoge des Sees;
auf den Gerüſten der Säle, wo ſonſt die Kokons mit ihrer zar⸗
ten Umhüllung geſchichtet lagen, iſt Hafer und Reis ausge⸗
breitet, und wenn wir den finſtern Burgweg entlang ſchreiten,
ſchallt kein Gelächter bäuerlicher Dirnen mehr den fremden
Männern entgegen.
Unſere Beziehungen zu den Spinnerinnen waren ſo muſter⸗
haft, daß ſelbſt Sommadoſſi der Alte in der Folge der Zeit
ihnen ſeine Anerkennung nicht verſagen konnte.
Denn wenn wir auch manchmal einen Gruß hinüberwinkten,
oder vom Fenſter herab in ihren Geſang beim ſpätabendlichen
Gang einen Strauß warfen, der fofort von einer oder der an⸗
dern aufgehoben und mit bäuerlicher Grazie hinters Ohr ge⸗
ſteckt wurde .. . ſo beobachteten wir im übrigen eine viel zu im⸗
poſante Haltung, als daß durch uns Zerſtreutheit und fahriges
Weſen in den Ernſt der Filanda hätte eingeführt werden kön⸗
nen. Es lag zwiſchen ihnen und uns eine äſthetiſche Kluft.
Denn das eine Bild, was ſie uns allzuoft nach Ave Maria
vor die Augen führten, wo ſie in maleriſcher Gruppierung auf
dem Steingeländer der Schloßkapelle herumſaßen, die eine der
andern das Haupt in den Schoß gelehnt, und die andere der
einen mit geſchäftigen Fingern im Haar wühlend, in Unter⸗
ſuchungsſachen gegen gewiſſes zwecklos dort herumziehendes
Getier... dies eine Bild, ſo in ſich abgerundet und realiſtiſch
durchgeführt es auch war, genügte, um das Gefühl gegenſeiti⸗
Scheffel. VIII. 4


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0049