Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 51
(PDF, 45 MB)
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Gedenkbuch. 51

ARRI. MVCIANI
ACTOR PRAEDIORVM
TVBLINAT. TEGVRIVM.
A. SOLO. IMPENDIO. SVO. FE
CIT. ET. IN. TVTELA EIVsS.
H. SN. CC. CON LVSTRIO
FVNDI. VETTIANI. DEDIT.

Aus dieſer Inſchrift geht hervor, daß man zur Zeit, als der
antike Schloßverwalter Druinus für die Ländereien von
Toblino das war, was itzt Sommadoſſi der Alte, in dieſen
Revieren ſich das Schickſal nicht als geſchlechtloſes Neutrum,
als Fatum ſchlechtweg dachte, ſondern als eine gemiſchte Ge⸗
ſellſchaft männlicher und weiblicher Gottheiten. L
Es liegt auch etwas Tiefſinniges in dieſer Anthropomorphi⸗
ſierung eines kalten Begriffes ... da ich jedoch nicht unter⸗
richtet bin, wie viel Paſſendes und Unpaſſendes ſchon in
Creuzers Symbolik und anderwärts hierüber geſagt iſt, ſo ge⸗
nüge die einfache Erwähnung.
Als ich an dem Mittag, da die Seidenſpinnerinnen ihr Ab⸗
ſchiedsfeſt feierten, hinaustrat in die offene Halle, um Zeuge
ihrer Tafelfreuden zu ſein, erblickte ich neben ihrem Tiſche
ein gedecktes Tiſchlein. Vor dieſem ſaß auf erhöhtem und ge⸗
ſchmücktem Lehnſtuhl eine fremdartige unterſetzte Geſtalt, das
Haupt mit einem ehrwürdigen alten Filzhut verdeckt und auf
den Arm geſtützt, die Beine ſchlapp herunterhängend ... die
Spinnerinnen bedienten ſie mit Polenta und Suppe und lach⸗
ten, daß die Halle dröhnte und meine Neugier aufs höchſte ge⸗
ſpannt war.
Wie ich aber näher hinzutrat, verblieb die Geſtalt in ihrer
ſelben unehrerbietigen Stellung. Und ich ſchaute ihr ins Ant⸗
litz.. . da war das Antlitz von einem Tuch umhüllt, und das
Ganze eine lebensgroße Puppe, der Kern des Leibes Heu und
Stroh, das Gewand das eines Hausknechts. Das Gelächter
der ſchmauſenden Damen wurde ſo unmäßig, daß ich in erſter
Indignation nicht umhin konnte, dieſem Gegenſtand ihrer Ver⸗
ehrung unter einem verächtlichen „Buon appetito, Signore!“
mit einigen Hochquarten den Hut noch tiefer ins Antlitz zu
treiben und mich geräuſchlos zu verziehen. — Wie aber das
Mahl zu Ende war, da hob ſich ein ſtürmiſch jubelnder Feſt⸗
4*


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