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56 Epiſteln und Reiſebilder. II.
ſelbſt das Ruder ſilbern angeblitzt aufleuchtet, wenn es da ein⸗
ſchlägt, wo er ſich ſpiegelt .. . der läßt beruhigt ſeinen Blick
ſüdlich nach dem offenen Horizont gleiten und denkt: „Du
Italien dort unten liegſt mir lang gut; laß mich hier meinen
Schatten noch oft in die Fluten werfen!“ Und'wenn mit nach⸗
läſſigem Ruderſchlag die Barke im Kreiſe herumgetrieben wird,
daß Berge rechts und Berge links und Schloß und Wald und Tal
in ſchnellem Rundblick das Auge ſtreifen, wenn dann die erſten
Sterne aufleuchten, die nächtlichen Hirtenfeuer auf Monte
Caſal drein lodern und ſelbſt der Leuchtkäfer ſich nicht ſcheut,
mit ſeinen beſcheidenen Mitteln in das große Konzert licht⸗
ſchaffender Körper einzutreten .. . ſo möchte wohl manchem
eine weiche, lyriſche Stimmung auch in verknöchertem Ge⸗
müte aufdämmern, und wer weiß, um wieviel ſäuſelnde
Reime zum Preis italieniſcher Nächte die Tagbücher reicher
würden!
Du lächelſt, Nymphe des Sees, in deiner unbetretenen
Tiefe und nickſt bejahend. Haſt du doch ſelber aus der Barke
der zwei fremden Männer, aus der ſonſt nur helles Lachen
und Jodelſchrei zu dir hinunterklingt, an einem Mondſchein⸗
abend das ſchwermütig ernſte: Ich weiß nicht, was ſoll es be⸗
deuten? .. . erlauſchen müſſen ... und wie die letzten Töne
verhauchten, haben die beiden nicht mehr gelacht, und auch
nichts mehr geſprochen, und ſind heimgerudert, ſtumm und
ſchweigend ... und des einen Ruder hat ſchärfer denn ſonſt
eingegriffen in die Wogen, ſchärfer und ſchier heftig, wie wenn
etwas das Herz deſſen preßte, der es gelenkt ...
In drei Tagen iſt meine Zeit vorbei. Es wird lang
dauern, du Kleinod aller Alpengewäſſer, bis wieder einer kommt,
der dich ſo lieb hat wie ich. Dafür ſollſt du aber auch meiner
nicht vergeſſen, See von Toblino! Und wenn ich wieder
draußen bin in der falſchen Welt, und wenn mir's recht ſchlecht
ergeht und böſe Träume den Schlummer der Nacht ſtören:
dann ſchick du mir einen deiner Waſſergeiſter, daß er zu Füßen
meines Lagers ſitzend dein Bild wieder aufſteigen laſſe vor der
gequälten Seele, dein ſchönes, farbenreiches und doch ruhiges
Bild . . . und daß er mir ins Ohr raune, was dich ſo friſch
und erquickend macht und vor allem Stagnieren bewahrt ...
dich und andere, die keine Seen ſind: l'aria tedesca, sorpas-
sata dall' aria italiana! —
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