Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 57
(PDF, 45 MB)
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Gedenkbuch. L 57

15. Ave Maria.

Und weil ich auch heute wieder die Barke treiben ließ im
vollen Mondenſchein, und itzt in einſamer Nacht, wo mir zu
Häupten der Abendſtern über den Berg Doscardol herüber
in die Stube glänzt und die Grillen melancholiſch dazu
ſummen, das Herz weich iſt und die Hände ſich ſegnend breiten
möchten über alles, was ſtill und ſchön, ſo ſei dein hier gedacht,
Perle des Sees von Toblino, blaſſes Kind Maria, die du in
Knechtsgeſtalt wandelſt unter den Leuten des Schloſſes und
doch nichts mit ihnen gemein haſt als den Dienſt und die
Mühen der Arbeit. Sei bedankt, du dunkeläugige ſchwermütig
blickende Waiſe, daß du in mir den Glauben wieder angefacht
an die Macht liebevollen Herzens; es hat dir's niemand zuge⸗
flüſtert, daß ich Mitleid um dich hege, tiefes Mitleid, weil
deine Eltern geſtorben und verdorben ſind und die Gläubiger
dein Erbteil genommen, daß ich weiß, wie man in früher
Jugend dich als Signora erzogen ... und doch haſt du alles
erfahren, was ich von dir denke, und ſagſt mir mit der un⸗
nachahmlichen Hebung des Hauptes und dem wehmütigen Lä⸗
cheln, daß dir alles bekannt iſt und daß du mir dafür dankſt.
Maria, blaſſe gute Maria, wer hat dir das alles verraten?
Und wer hat dir's eingegeben, daß du an jenem ſonnigen
Sonntagmorgen, da der fremde Gaſt leſend im Saal draußen
ſaß, ihm deine zwei Tauben zuwarfſt... ſtill und ſchweigſam
.. . und ſie ihm auf die Schulter flogen? Und wer hat dich
hinuntergerufen in die Kapelle an jenem Abend, da das Ge⸗
witter aus der Sarcaſchlucht vorbrach und die Barke mit den
drei Männern im niederhagelnden Regen vor euren Blicken
ſchwinden wollte, daß du die Glocke zogſt, die ihnen wie Stimme
eines Engels hinüberklang in ihre fährliche Fahrt?
Maria, ich danke dir. Aber wenn ich dich frage, wie dir's
geht, ſollſt du nimmer ſtumm nach meinem Meſſer greifen und
es nach deinem Herzen zücken... das tut mir weh, bitterlich
weh. Willſt du mir weh tun, Maria? — —

16. Molweno.

Es werden wenig Menſchen draußen in der ziviliſierten Welt
etwas von Molweno und ſeinem See und ſeinem Gletſcher


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