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58 Epiſteln und Reiſebilder. II.
wiſſen. Daß wir Sonntag den 12. Auguſt in jenem unbekann⸗
ten Landſtrich eingeritten, ſagt mir außer der Erinnerung noch
ein gewiſſes unnennbares Gefühl, was nur der zu würdigen
weiß, der 8 Stunden im ſtrohgepolſterten Sattel eines Ge⸗
birgseſels ausgehalten hat. Es war aber merkwürdig.
Stefanus der Sklav, der im Lauf einer dreiwöchentlichen
Karriere bereits zum Reiſeintendanten und mattre de plaisir
avanciert iſt, hatte viel zu laufen, bis er die Tiere zum Berg⸗
ritt aufgetrieben, denn in dieſen geſegneten paéësen iſt für
den Fremdentransport in ſeitwärts gelegene Täler zum Glück
noch keinerlei Fürſorge getroffen. Endlich gelang's ihm; der
Müller von Padergnone ſtellte ein tadelloſes Grautier mit
einem unſäglichen Sattelwerk, ein anderer perſönlicher Freund
Stefans ein feuriges Pferdlein, das ſich in ausdauerndem und
kundigem Beſchreiten der Bergpfade mit jedem hochſchottiſchen
Pony meſſen konnte.
In ſtiller Sonntagsfrühe ward dem Kapuziner oben an ſei⸗
nem Fenſter noch ein freundlicher Gruß zugewinkt, dieweil
heute die messa geſchwänzt ward, ebenſo der Pedronilla, die
nicht verſäumte, als gänzlich verfehltes Burgfräulein am Söl⸗
ler zu erſcheinen ... dann zog's geordnet hinaus: Meiſter An⸗
ſelm auf dem cavalloto, ich als geſetzterer Mann und Denker,
wie ſich's gebührt, auf dem Eſel, der hier ſchlechtweg das
animal genannt wird, und als reiſiger Knappe zu Fuß Stefa⸗
nus der Sklav im ſonntäglichen Kattunkittel.
Zwiſchen dem mächtigen Berg Doscardol und dem Monte
Gazza zieht eine Schlucht landeinwärts nach Judicarien; eine
alte, noch ſtellenweis gepflaſterte Römerſtraße führt über
Trümmer und Geröll empor, bis zu dem rauhen und gottver⸗
laſſenen Neſt Aranſch oder Laranſch, deſſen rauchige Stroh⸗
dächer und ſteinbeſäte Felder jeden Gedanken daran tilgen,
daß unten im Tal Italien beginnt. Da Stefanus der Sklav
verſichert, bis nach Aranſch ſei's ein leidliches stradone (Sträß⸗
lein), das Beſchwerliche fange erſt nachher an, ſo durften wir,
als die Höhe von Aranſch erreicht war, nach dem bereits Er⸗
duldeten mit Grund einem Weg entgegenſehen, deſſen bloße
Vorſtellung einem Waſſer⸗ und Straßenbaureſpizienten im fla⸗
chen Deutſchland draußen das Haar ſträuben konnte. Der Weg
kam auch. Jenſeits Aranſch ſahen wir über den Gipfeln des
Doscardol, der im Tal unten wie ein Rieſe erſcheint, faſt hin⸗
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