Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 64
(PDF, 45 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0064
64 Epiſteln und Reiſebilder. II.

Man ſieht in ſchwindelnde Tiefe hinunter .. . rechts und
links ſtehn dunkle Klippen, die nur einen ſchmalen Spalt zwi⸗
ſchen ſich freilaſſen und gleich den Symplegaden jeden Augen⸗
blick wieder zuſammenzuklaffen drohen ... dort hat ſich die
Sarca durchgenagt und brauſt als ſchäumendes Forellenwaſſer
durch die ſie preſſenden Gebirge .. . an manchem Vorſprung
der Felsſtraße tun ſich Blicke auf, ſo wild, ſo ſchauerlich, ſo
herzbeklemmend wie irgendeiner an der via mala ... wenn
man laut ſpricht, gibt die genüber ragende Wand Antwort, und
tut man einen Schrei oder Jodelruf, ſo hallt und ſchallt es
drüben hervor, als ſäß' eine ganze Bande Gnomen in ſtiller
Spalte verborgen.
Ich war auf vieles gefaßt in der Einſamkeit dieſer Alpen⸗
ſtraße, die nur ſelten durch das Knarren eines Holzbauernfuhr⸗
werks unterbrochen wird .. . aber den Mann hier anzutref⸗
fen, den ich antraf, unfern von der Krümmung der Straße
am Waſſerfall ... darauf war ich nicht gefaßt! Dort, wo das
enge Tal ſich etwas ausbiegt, ragt eine Kette grotesker unzu⸗
gänglicher Felskuppen der Quere nach durch die Schlucht, ſie
als natürliche Rieſenbarrikade gleichſam zumauernd.

Auf einer dieſer Kuppen aber ſtand unbeweglich ein Mann
in welſcher Tracht, den Spitzhut keck auf das Haupt gedrückt,
die Flinte im Anſchlag nach der Straße herüber ... und der
Mann ſtand ſo energiſch und feſt dort droben, gleich einer
Silhouette in die blaue Luft emporragend, daß man als un⸗
parteiiſcher Wanderer ſich zwar ſagen mußte, er paſſe ent⸗
ſchieden in dieſe Landſchaft, im Geiſt aber zugleich die Even⸗
tualitäten eines geeigneten Rückzugs in gedecktere Poſitionen
überlegte.
Ich warf einen fragenden, zweideutigen Blick auf Stefano,
meinen Schatten.
„Niente paura,“ lachte Stefano und zeigte mit dem Finger
nach dem Bewaffneten, „è uno del quaranta otto!“
„Das ſind gerade die Rechten, die vom Jahr 48,“ ſagte ich
und ſah mich um . . . „ma di paglia!“ ſprach Stefano und
ſtimmte ſein roheres Bauerngelächter an.
Von Stroh! .. . Es hat etwas ſehr Beruhigendes, von einem
Mann, der mit der Flinte nach der Heerſtraße im Anſchlag
liegt, zu erfahren, daß er von Stroh iſt .. . Ich ſteckte mir


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