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66 Epiſteln und Reiſebilder. II.
mehr ihm beizukommen, wenn man den Fels nicht ſprengen
oder ihn mit Kanonen herunterſchießen will .. . und ſo muß
ſelbſt der öſterreichiſche Gendarm im Jahr des Heils 1855 dort
paſſieren, ohne ihn arretieren und dem nächſten Amt abliefern
zu können...
Ich blies meine Rauchwolken wie ein Büßer in die Luft ...
in bunten Bildern zog's an mir vorüber ... ich ſah ſie, die
Geſtalten von damals mit der grünrotweißen Trikolore, hoff⸗
nungstrunkene Studenten und alte Landſtraßenpraktiker, Pfaf⸗
fen und Frauen mit der Büchſe um die Schultern — auch ſie
ritt vorüber auf ihrem weißen Zelter, die hier ſo wenig fehlte
wie anderwärts, die große Amazone contessa Pallavicini di
Brescia...ich ſah ſie alle wieder, ich konnte ihnen nicht böſe
ſein, denn es ſind ſchlechtere Kerls nach ihnen gekommen,
ſchlechtere, aber geſcheitere, die keine Strohmänner bauten.
Ein rußiger finſterer Geſell, der in den Tiefen dort ſeinen
Rohlenmeiler geſchürt hatte, war heraufgekommen, mich zu be⸗
auen.
„Come sta il vostro galantuomo la sopra?“ fragte ich ihn.
„Sta poco bene in questi tempi!“ ſprach er und ſchüt⸗
telte das Haupt und ging von dannen. Der Mann ſchien eine
Ahnung zu haben, daß jene Zeiten für uns und Kind und
Kindeskind vorbei ſind ...
Ich nahm von dem Phantom Abſchied. „Leb wohl,“ ſprach
ich, „du einzige Geſtalt, die du ſeit jenen Tagen ausgedauert,
ohne deine Waffen abzuliefern, — ich wollte, du ſtündeſt ander⸗
wärts ſo unnahbar und trotzig wie hier, anderwärts im Re⸗
ſpiziat meines Freundes, des gelbgeſichtigen Miniſterialrats!
Der würde nimmer ſchlafen, ſo lang du noch exiſtierteſt...
wahrlich, er würde nimmer ſchlafen, und würde keine Söhne
mehr zeugen, die wieder Miniſterialräte werden ... ich glaube,
er bekäme dich herunter! — Oder — er würde wahnſinnig und
nähme ſeinen großen Rohrſtock und erkletterte den Felſen neben
dir und verſteinerte dort wie Niobe ... Unſeliger, verhängnis⸗
voller, ſchändlicher Strohmann!“
Zwei Stunden nach dieſer Begegnung ſaß ich im Bad
Comano. Das Bad Comano lag bis in unſer Jahrhundert
verſchüttet unter einem Bergſturz, und die Quelle verlief ſich
im Schutt. Als aber 1807 ein Bauer von Poja, der, krätzig bis
ins Herz hinein, ſeinen Hanf in jenem Waſſer röſten wollte,
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