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68 Epiſteln und Reiſebilder. II.
würdig wie irgend etwas, was in den roten Büchern der Touri⸗
ſten mit doppeltem Stern bezeichnet iſt.
Madruzz iſt ein Wort, das myſtiſch um die Seele klingt,
bis ſie weiß, was dran und drin ſteckt. Was iſt Madruzz?...
Da ich mich nicht gern von der Myſtik des Unbekannten ſtören
laſſe, fuhr ich eines Tags in der lecken Barke mit Stefanus
dem Sklaven über den Toblinoſee. Stefanus der Sklav muß
alles wiſſen, dafür iſt er da. Er legte die Barke an einem
waldigen, unzugänglichen Uferplatz an des Sees öſtlichem Rand
an, dann kletterten wir durch Gebüſch und über ausgewaſchene
Bergrücken empor; oben ſteht eine Kapelle und ragt keck hinaus
in das Dunkel des Alpenhintergrunds, das der wohlbekannte
Monte Caſal und der Doscardol und der Berg Gazza und wie
ſie alle heißen, an des Sees entgegengeſetztem Ufer bilden.
Von dieſer Kapelle ſtiegen wir wieder bergab; reiche Vignen
und Welſchkornfelder umſchließen ein großes Dorf mit empor⸗
ragendem palazzo. Das Dorf heißt Calavin. Und von Calavin
ging's wieder bergan, um einen langgeſtreckten Berg herum,
über ſcharfkantiges, fußwerkzerſtörendes Geröll, dann durch
eine Straße mit zerfallenen Häuſern und zerlumpten Menſchen,
über denen ſich fröhlich Feigenbüſche und Reben in die Fels⸗
ſpalten angeſiedelt; dann auf einen von weißglänzender Mauer
umfriedeten Gipfel; ein verſchloſſenes Tor ſperrte den Eingang,
aber Stefanus der Sklav ſtieg hinauf und löſte den eingeram⸗
melten Baum ... endlich ſtanden wir vor weitſchichtigem, wohl⸗
erhaltenem Gebäu; — Torturm mit Schießſcharten, rieſige
Mauern mit Fenſtern und Balkonen, alte Wappenſchilde, und
ſtille Bergeinſamkeit ringsumher, etliche Ziegen zwiſchen den
Felſen weidend, rauher Luftzug und ein ſcheuer Bauersmann,
der lauernd auf den fremden Bergſteiger ſah . . . das war
Madruzz. Der Mann, der dieſe Trümmer hütet, hat große
Räume zu ſeiner Verfügung, aber kein Waſſer, keinen Wein
und kein Brot.
Er führte uns in den noch von einem Dach überdeckten
Ritterſaal, durch deſſen leere Fenſterreihen ein ſcharfer Wind
pfiff, in Gemächer und Stuben mit reichverzierten ſteingehaue⸗
nen Portalen und Kaminen, in die rauchgeſchwärzte Kapelle,
die mit rohen Malereien geſchmückt war, in tiefe Verließe und
Kaſematten.
Madruzz war ein feſtes mächtiges Schloß, und die Madruz⸗
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