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Gedenkbuch. 69
zen waren Ritter und Kardinäle, wie's die Zeit brachte, und
hielten 119 Jahre lang das Fürſtbistum von Trient in ihrer
Hand. Es ging eine ſehr feudale Luft durch dieſe Ruinen; in
weitem Kreis zieht ſich eine Mauer um den Schloßberg, die
umgab ihrerzeit den großen, weit im Land berühmten Wild⸗
park des Kardinal Chriſtoph Madruzz, unter deſſen Krumm⸗
ſtabführung das Bankett in Trient gehalten ward zur Feier
von Carolus des Fünften Sieg bei Mühlberg an der Elbe; die
tridentiner Hofpoeten haben's in langen Reimen beſungen,
wie prächtig alles zuging und wie elegant die Damen der
Biſchofsſtadt dabei erſchienen ... Und wie ich wieder im
Ritterſaal ſtand, da malte ich, während meine Fußtritte dröh⸗
nend durch die öde Halle klangen, mir im Geiſte aus, wie's
hier einſt gehallt und gejubelt haben mag, wenn die hochweiſen
Prälaten vom Tridentiner Konzil herüberritten, um bei ihrem
Kollegen von den Mühen des Dogmenaufſtellens und Ana⸗
themafluchens ſich zu erholen, und wie manch ein Pokal vino
santo unter gröblichen und feinen Witzen über die Reformge⸗
lüſte germaniſcher Nation die orthodoxen Kehlen hinabrieſelte,
. .. und ich ſah ſie alle daſitzen, hagere, ſcheiterhaufenfrohe,
verkniffene Geſtalten ſchauten zwiſchen wohlgenährten, fettleibi⸗
gen hervor, und glatte Kanoniſten und Sekretäre, Kriegsmän⸗
ner im ſpaniſchen Mantel und Kammerherrn.. mög ihnen
ſeiner Zeit ihr Trunk wohl bekommen ſein!
Es iſt ſchon lang her, daß der letzte Madruzz zu ſeinen Vä⸗
tern verſammelt ward, im Wildpark des Schloſſes weiden Zie⸗
gen, in den Gemächern liegt Staub und Schutt, und in der
Fenſterbrüſtung lehnt ein germaniſcher Mann mit einer Brille
und einem dubiöſen Zug um die Lippen, und der Mann hat
erſt vor kurzem den Hegel und den Strauß und Ludwig Feuer⸗
bach dem Antiquar Wolff in Heidelberg verkauft...
Aus den Fenſtern ſchweift der Blick weit in die Niederungen
des Sarcatals, unten der grüne See von Toblino, weiter ſüd⸗
lich, zwiſchen Hügeln und Pflanzungen verſteckt, der See von
Cavedine, in der Ferne die maſſigen ausgezackten Felſen von
Arco ... es iſt weit und ſchön dort droben.
„Jetzt iſt's vorbei mit der alten Herrlichkeit,“ ſprach ich zu
Stefanus dem Sklaven, „alles ruiniert, roba veechia!“
„Höh... höhh!“ lachte Stefanus der Sklav, „und ſie kom⸗
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