Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 70
(PDF, 45 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0070
70 Epiſteln und Reiſebilder. II.

men nimmer herunter von ihrem Kaſtell, um bei den Bräuten
des Landes drei Nächte vor der Hochzeit zu ſchlafen.“

Ich weiß nicht, ob die gangbaren Handbücher des deutſchen
Privatrechts mit ihren Kontroverſen über das jus primae
noctis je dem Sklaven Stefanus zu Geſicht gekommen ſind ...
aber das vergnügte „Höh ... höhh!“ mit dem er im 19. Jahr⸗
hundert chriſtlicher Zeitrechnung über das Verſchwundenſein
dieſes Rechtes lachte, ſcheint darauf zu deuten, daß es auch ein⸗
mal wirklich und ſaftig exiſtiert hat. L
„Es wird nichts mehr zu ſehen ſein,“ ſprach ich im Schloß⸗
hof, als wir von dem Hüter von Madruzz Abſchied nahmen.
„Nichts mehr,“ ſagte er mit einem Blick auf meine Brille,
„als vielleicht i libri antichi!“
„Libri antichi, Mann Gottes, ſchnell, wo ſind ſie, die alten
Bücher?“
„Verſchloſſen in einem Gewölb,“ ſagte er, „der Padrone in
Calavin hat den Schlüſſel.“
Wie Stefanus der Sklav merkte, daß ich mich für die alten
Bücher in den Trümmern von Madruzz intereſſierte, bemäch⸗
tigte ſich auch ſeiner ein löblicher Eifer. „Wir werden den
Schlüſſel bekommen,“ ſprach er, „wir werden die Bücher
ſehen!“ Und er warf ſeinen kattunenen Kittel über und ſtieg
hinunter gen Calavin. Dort im ſtattlichen palazzo wohnt der
alte Albertini, der reichſte Mann der Gegend, der nebſt andern
Eigenſchaften auch Adminiſtrator der Güter des Marcheſe del
Caretto von Genua iſt. Der Marcheſe del Caretto aber iſt der⸗
zeit der Erbe und Rechtsnachfolger der Madruzzen.
Ich verbrachte eine erwartungsvolle Stunde am Abhang des
Schloſſes, bis Stefanus wieder kam. Aber er kam geſenkten
Hauptes und meldete, daß ihm der Padron die Schlüſſel nicht
ausgeliefert; ſie ſeien verlegt .. . oder einem prete aus der
Nachbarſchaft geliehen ... auch wiſſe man derzeit in Calavin
nicht, wer ſo geradezu vom Toblinoſee herübergeſtiegen komme
und die Schlüſſel von Madruzz verlange ...
Wir zogen ab, ohne das Büchergeheimnis ergründet zu
haben. Aber Stefanus der Sklav nahm's für eine Ehrenſache,
daß er und ſein fremder Herr die Bücher der Madruzzen zu
ſehen bekämen, und arbeitete mit mehr Leidenſchaft dafür denn
ich ſelber, wiewohl über ſeine anderweiten Verhältniſſe zu Ge—


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0070