Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 8: Episteln und Reisebilder. II)
[1916]
Seite: 73
(PDF, 45 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0073
Gedenkbuch. 73

Comnena in ſchöner venetianiſcher Ausgabe, alles wohlerhalten
und mehr als hinreichend, das Leben eines Mannes auszufül⸗
len, der ein ernſtlich Studium drauf verwenden gewollt. Der
wahrhaft intakten Jungfräulichkeit vieler dieſer Bände war
aber ſchier der Verdacht zu entnehmen, daß ihnen das hora⸗
ziſche: nocturna versate manu, versate diurna, nicht allzuoft
zuteil geworden. Da ich das Syſtem der Durchſicht von Stefa⸗
nus des Sklaven und des Schloßbauers Anordnungen abhängen
ließ, wurden mir die Bücher der Größe nach ans Fenſter ge⸗
ſchleppt, erſt die Folianten, dann etwas in Quart und ſo ab⸗
wärts. L
Ich erklärte ihnen einiges vom Inhalt der alten Scharteken,
was mit Befriedigung aufgenommen wurde; wie ſie mir das
erſte deutſche Buch, eine Relation über die Belagerung Wiens
durch die Türken unter Soliman II. 1529, brachten und ich
auch dieſe fremdartigen, andersgeformten Lettern leſen konnte,
ſtieg ihre Hochachtung, und Stefanus begann, mit der Gelehr⸗
ſamkeit ſeines Herren zu renommieren: „sa leggere tutto,“
ſprach er, „vedete, sa leggere tutto! Höh — höhh“ . .. Dar⸗
um ließ ich ihn aber auch nicht im Stich, wie ſie mir die Quart⸗
bände beiſchleppten, und nach zwei hebräiſchen Bibeln einige
ganz dubiöſe Druckwerke an die Reihe kamen, die wahrſchein⸗
lich aus der Preſſe der Propaganda zu Rom hervorgegangen,
eine durchaus uneuropäiſche Haken⸗ und Keilſchrift aufwieſen.
„Aha,“ ſagte ich, „quest' & lingua asiatica, buona per
trovare tesori,“ fügte ich mit gewichtiger Miene bei. Der
Schloßbauer verſtand mich und legte das ſemitiſche Buch bei⸗
ſeite. Mög es ihm gedeihlich ſein, wenn er etwa durch meine
Andeutung auf nächtliches Schatzgraben in ſeinen Schloß⸗
trümmern verfallen ſollte ... es wird gegenwärtig ſo viel auf
das Aſſyriſch⸗Babyloniſche hingewieſen und ſo wenig dabei ge⸗
wonnen!
Die Muſterung ging zu Ende. Die Kommiſſion war be⸗
gierig auf meinen Urteilsſpruch über das Ganze. Ich erhob
mich: „tutto,“ ſprach ich, „roba di Cardinale, niente per noi
altri!“ Ich ließ alles ſäuberlich an ſeinen Platz zurückſtellen
und den zweiten Schrank öffnen.
Aber wie die Türen dieſes zweiten Schrankes aufgingen, da
ward es auch mir in meinem antiquariſchen Gemüt wohl ums
Herz, und mit einer gewiſſen ehrfurchtvollen Spannung be⸗


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw8/0073